Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., H 4688,fm
Das Markgräflerland: Beiträge zu seiner Geschichte und Kultur (21.1959, Jahresband, Ortsgeschichte von Egringen)
1959
Seite: 297
(PDF, 61 MB)
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das Ausmessen und Auswägen der Waren sei, die er aber hinter einem Tisch
sitzend gar wohl verrichten könne. Auch könne er dabei der für seine Gesundheit
so notwendigen Badekur gar leicht im nahen Fischinger Bad nachkommen. Außerdem
habe er zur Durchführung seines Vorhabens eine gute Hilfe an dem Krämer
Roßkopf zu Efringen, der zwar an beiden Füßen lahm sei und auf allen Vieren
kriechen müsse, wenn er in der Stube von einem Ort zum andern kommen wolle.
Aber trotzdem habe dieser mit seiner Krämerei einen guten Fortgang getrieben
und befinde sich in gesegneten Umständen. Er werde ihm zur Hand gehen, da er
selbst einst von seinem - des Lorenz - Stiefgroßvater Rechnungsrat Gaupp,
Fischingen, unterstützt worden sei, und deshalb seine Dankbarkeit gern dem Nachkommen
seines Wohltäters unter Beweis stellen werde. Als aber das Waisenhaus
in Pforzheim etwas von seinem Vermögen über 200 fl. erfuhr, sandte man ihm,
anstatt ihm weiterzuhelfen, eine Rechnung von 267 fl. 30 krz für seinen bisherigen
Waisenhausaufenthalt und forderte sofortige Bezahlung, die ihn sein ganzes Vermögen
gekostet und völlig mittellos gemacht haben würde. 67 fl. 30 krz war man
gnädigerweise bereit, ihm zu erlassen. Pfarrer Böhm gab darum sein Geld nicht
heraus, auch stand ihm sein Schwager Gaupp treu zur Seite und bestritt dem
Waisenhaus dessen Behauptung, man habe Lorenz Tulla einst unter der Bedingung
der Bezahlung seines Kostgeldes ins Waisenhaus aufgenommen. Lorenz mußte
nun den Markgrafen in flehentlichen Worten um „Beherzigung seines erbarmungswürdigen
Zustandes" bitten und darauf hinweisen, daß er anfänglich habe nur
auf Händen und Füßen kriechen können, wenn er auch jetzt imstande sei, sich
mit Hilfe seiner Krücken zu bewegen. 1767 setzte das Waisenhaus seinen Anspruch
erneut mit 103 fl. 44 krz fest, erklärte sich aber bereit, ihn für einige
Monate nochmals unentgeltlich aufzunehmen, wenn er eine Probe seiner Tüchtigkeit
zur Uhrenarbeit ablegen wolle. Lorenz erhoffte hier eine neue Verdienstmöglichkeit
und ging auf das Anerbieten ein. Aber zu seinem Gelde kam er nicht.
Pfarrer Böhm war inzwischen gestorben und hatte die 200 fl. befehlsgemäß auf
der Lörracher Kanzlei hinterlegt. Da machte sich Lorenz im Frühjahr 1767 auf,
um in Lörrach nun selber nach seinem Vermögen zu forschen. Wir hören ihn in
seinem bewegten Bericht an den Markgrafen vom 11.4. 1768, den er von Lörrach
aus schrieb:

„Dieser gnädigsten Gesinnung zufolge habe ich midi öfters sowohl mündlidi als schriftlich
in allhiesiger fürstlicher Oberamtskanzlei gemeldet und um gnädigste Vorschrift auf
Probe zur Uhrenarbeit aufgenommen zu werden sowohl als auch um Wichtigmachung
wegen des Geldverlustes und Vorschuß zur Bestreitung meiner Reisekosten gebeten. Aber
aus allen erhaltenen Bescheiden, und da man mich bald auf eine Antwort von unten herauf
vertröstet, bald daß die Akten verloren gegangen vorgeschützt, weiß ich leider, Gott er-
barms noch nicht, wessen ich mich zu verhalten oder zu versehen habe, und muß die beste
Gelegenheit, welche sich für meine gebrechlichen und bedürftigen Umstände schicke, nämlich
die Retourfahrt, so den Herrn Pfarrer zu Brombach nach Pforzheim heraufführt,
vielleicht versäumen ...

Laut den Akten und nach Herrn Pfarrer Böhms eigenen Angaben soll derselbe bei allhiesigem
Oberamt für mich 200 fl hinterlegt haben. Dagegen nur 171/9V2 in der Kartei
deponiert sind, unter welchen sich 50 fl in 18 großen französischem Talern befinden sollten
. Wie aber vor einigen Tagen dieses Depositum in meiner Gegenwart untersucht und
gezahlt worden, so sind nur noch 2 große französische Taler dabei gewesen, dagegen das
übrige in Theresientaler und außer Kurs gesetzten Louis blanc nebst der verrufenen Münz
darunter befunden worden."

Mit gebrochenem Körper, zerschlagener Berufshoffnung und nun noch um
einen Teil seines Geldes betrogen - so stand er in der harten Welt. Doch nahm
man ihn nun auf 1 Jahr kostenlos ins Waisenhaus auf, um sich in der Uhrenarbeit
zu versuchen, deren Aufkommen dringend Arbeitskräfte in Pforzheim nötig

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