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Das Markgräflerland: Beiträge zu seiner Geschichte und Kultur (23.1961, Heft 1, Müllheim Baden)
1961
Seite: 255
(PDF, 52 MB)
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/mgl-1961-01/0257
Tröstung über die Hügel der Welt

Die Aufführung des „Deutschen Requiem" von Johannes Brahms durch den

Freiburger Bach-Chor in Müllheim

Von Leopold Börsig

Es war eine eigentümliche, korrespondierende Verbindung, die schlichte, ohne
einen Funken falschen Pathos abgehaltene Einweihung des Ehrenmales für die
Kriegstoten und dann, am Nachmittag, die ausgebreitete Trauer und die erhebende
Tröstung des Deutschen Requiems, aufgeführt vom Freiburger Bach-
Chor unter Leitung von Theodor Egel. Und es drängte sich der Vergleich auf:
So wie das Ehrenmal als eine sinnfällige Darstellung des Tores zur Ewigkeit zu
verstehen ist, so öffnet sich auch im Deutschen Requiem ein Tor zur Ewigkeit.
Ein grandioses Tor, das in seinen dauernden Verwandlungen immer neue Perspektiven
freigibt. Ein Tor, durch das der Atem unendlicher Ewigkeiten hereinweht
, bald wie ein Sturm, der die Bäume, die stolzen Bäume dieser Welt entblättert
und ächzend stöhnen läßt; bald wie leiser Windhauch, der sich wie Duft
von feinsten Blüten über die Hügel der Welt legt, Tröstung für die Trauernden,
die an diesen Grabhügeln stehen, Aufhebung in Liebe für diejenigen, die darunter
liegen.

Aber nicht nur von drüben weht es einen an, der Atem dieser Welt geht
hinüber, und es ist ein Spiel der irdischen Schatten im Nachherbst mit der Lichtfülle
des Ewigen. Aber was ist das für ein Spiel! In ihm ist großes Welttheater
so gut wie das Seufzen der einzelnen Kreatur, in ihm ist mitspielend die Dramatik
des Lebens, das „hie keine bleibende Statt" hat, wie die stille Innigkeit
der Tröstung durch die Mutter, in deren schützenden Händen verwundete, geängstigte
Kindschaft in dem Innenraum unbegreiflichster Liebe sich aufrichtet.
Ein wahrhaft erschütterndes Spiel, im zweiten Satz des Requiems alle Akteure
versammelnd: die Toten, die dahingegangen sind wie Gras, die Erlösten, die
wiederkommen werden „mit ewiger Freude gen Zion", und darüber des Herrn
Wort, die große Verheißung. Schließlich im dritten Satz der letzte Mitspieler,
der Mensch auf dieser Welt, an diesen Hügeln der Welt, der Gott bittet, ihn zu
lehren, daß sein Leben ein Ziel hat, denn „meine Tage sind eine Hand breit
vor dir".

Das „Deutsche Requiem" von Brahms hat in der Musikgeschichte kein, zumindest
kein unmittelbares Vorbild. So schlicht es in seiner Harmonik, in der
Ausdeutung seines sprachlichen Gehaltes bleibt, so kunstvoll ist es in seiner
linearen Vielfalt und Verschlungenheit. Gewiß, man kann hier von Programmmusik
sprechen, aber Programmusik nur im Sinne einer musikalischen Verdeutlichung
von Geistigem und Geistlichem.

Es erscheint deshalb für die Interpretation an jeder Stelle dieses Werkes von
entscheidender Bedeutung, die unmittelbare Korrespondenz von Text und musikalischem
Ausdruck zu erspüren. Und das ist hier in einer unerhörten Weise geschehen
. Theodor Egel hat Chor, Orchester und Solisten in seiner dynamischen,
inspirierenden Art zu einer Unmittelbarkeit der Darstellung mitgerissen, wie
wir es ganz selten einmal erleben dürften. Dabei ist den mannigfaltigen Ab-
schattierungen, diesem dauernden Wechsel von Dramatischem und Lyrischem,
diesem in den Wiederholungen und Steigerungen, im Hinüber- und Herüberweben
von Licht und Schatten, Gespenstischem und Verklärtem erfolgenden
Wechsel mit peinlicher Sorgfalt nachgegangen worden, freilich so, daß die Sorg-

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