UB Freiburg, H 519,m
Die Ortenau: Zeitschrift des Historischen Vereins für Mittelbaden
80. Jahresband.2000
Seite: 484
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Ulrich Spitzmiiller

Maultiere haben sie inzwischen in der Nordracher- und der Jahn-Straße abgestellt
.

Der Bürgermeister kapituliert vor den Franzosen

„Wir hatten einen besonnenen Bürgermeister, der sich zu diesem Zeitpunkt
keine Illusionen mehr machte, er übergab Zell friedlich und ohne zu zögern
." So beschreibt Ruth Baitsch in der „Chronik der Stadt Zell am Harmersbach
" im Jahre 1970 die kampflose Kapitulation der Stadt durch Bürgermeister
Adrian Kopf, der die Franzosen mit der weißen Flagge als Symbol
der Aufgabe empfängt. Er muß die Nacht unter Bewachung im Rathaus
verbringen32.

Nachdem die Franzosen Zell bereits besetzt haben, ereignet sich ein
Zwischenfall: Als ein Auto trotz Aufforderung nicht anhält, beschießen
Marokkaner das Fahrzeug und treffen dabei die zwanzigjährige Lore Nün-
list tödlich. Sie ist die Tochter des NS-Propagandaleiters Nünlist aus Offenburg
. Er hatte sie im Auto begleitet und floh nach dem Angriff.

Viehschlachtung auf offener Straße

Am Abend der Einnahme von Zell machen die französischen Truppen von
ihrem Plünderungsrecht Gebrauch. Sie schlachten und grillen auf offener
Straße Fleisch von Hühnern, deren Federn überall verstreut liegen, braten
Kaninchen und holen sogar Kühe aus den Scheunen der Gaststätten. Luise
Neunzig erinnert sich noch daran: „Die Marokkaner riefen immer Poulet,
Poulet. Die Hühner mußten dann von den Frauen hergerichtet und gekocht
werden. Sie haben uns jedoch auch noch ein Huhn zum Essen übriggelassen
".

Die Pferde sind inzwischen in der Scheune des Gasthauses „Sonne" untergebracht33
, die Heuvorräte werden in den beiden Hotels „Löwen" und
„Hirsch" geholt. Für die Nächte wird eine Ausgangssperre verhängt. Trotz
der von den Nazis geschürten Greuelpropaganda vom „schwarzen Mann"
wird das Verhalten der marokkanischen Männer als erträglich empfunden.
„Im großen und ganzen führten sich die marokkanischen Truppen anständig
auf, man hörte nur von wenigen Vergewaltigungen", schreibt Ruth
Baitsch in ihrer Zell-Chronik34. Die Marokkaner wurden mit einer Mischung
aus Neugier und Angst gesehen. In ihren andersartigen Uniformen
waren sie - neben dem Einmarsch der fremden Truppen und der Befreiung
von der Kriegsangst - „das Ereignis" des 19. April 1945, wie noch heute
aus den Erinnerungen von Zeitzeugen hervorgeht. Die Marokkaner bleiben
für drei Tage in Zell und ziehen dann weiter. Seit der Ankunft der französischen
Truppen wird jeden Morgen in einer knappen Zeremonie die französische
Nationalflagge, die Tricolore, gehißt und abends wieder eingeholt.


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