UB Freiburg, H 465,da
Schau-ins-Land: Jahresheft des Breisgau-Geschichtsvereins Schauinsland
120.2001
Seite: 263
(PDF, 59 MB)
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Freiburg 1949: Wendezeit - Erwartungsland.
Eine Collage mit Leuten, Bildern, Büchern

Von

Wolfgang Heidenreich

Vor 50 Jahren konnte ein 16-jähriger Freiburger kaum zu leben begonnen haben und
dennoch schon bei sehr vielem dabei gewesen sein, was man Geschichte nennt. Ein
Leben lang wird so einer zu bedenken haben, was er in seinen ersten 16 Lebensjahren
mit seinen Sinnen aufgenommen, und was er später über diese Jahre zu lernen
hatte. Zu dem früh Gelernten sollte gehören, dass nach dem frühen Erleben und
Überleben dieser reißenden Zeit ein bewusstloses Weg- und Weiterschwimmen im
Zeitstrom nicht mehr möglich war.

Im Jahre 1 nach der westdeutschen Währungsreform, im Jahre 4 nach dem Weltkriegsende
und im Jahre 16 nach der Ausrufung eines tausendjährigen Reiches
musste ein ABC-Schütze des Jahres 1939 sich daran erinnern, dass er auf die schneidige
Frage eines Braunhemdlehrers „Wer ist im Jahre 1933 geboren? Aufstehn!!" an
seinem ersten Schultag gehorsam aufgestanden war, um den Satz zu hören: „Ihr seid
im Jahre des Heils geboren! Heil Hitler! Setzen!" Im selben Schuljahr stand das Wort
KRIEG auf dem Stundenplan, in den der Vater und andere Helden zum Siegen verschwanden
. Zu Hause kein Ton mehr aus der weckgepackten Geige und aus dem
Klavier, an dem der Reserveoffizier sehnsuchtsvolles Liedgut intonierend von einem
Leben in den höchsten Tönen träumen konnte. Kein schwelgerisches Streichquartett
mehr in dem Zimmer mit dem Hitlerbild, in dem der Esstisch nun ein bombenfester
Bunker war, unter dem man Landserhefte voller Stoßtrupps und geballter Handgranatenladungen
verschlang, dabei über Langweiliges hinwegsprang bis zu dem
Signalwort „plötzlich", hinter dem dann das Krachen und deutsche Siegen wieder
weitergehen konnte.

Mit 16 Jahren hatte man hierzu zu bedenken, was das wohl für ein Feld der Ehre
gewesen war, auf dem der Vater unter diesem russischen Birkenkreuz verschwunden
war, weit weg von seiner Welt der heilen Familien, Kirchenchöre, Schubertlieder,
Streichquartette, in der er, einst ein am Hartmannsweilerkopf davongekommener
Gefreiter, diesmal der heiser brüllenden Radiostimme eines anderen Gefreiten auf
den blutigen Leim gegangen war. Man kramte hinter den Glastüren des Bücherschranks
und suchte seinen Vater: Was hatte Paul Kellers gebundene Biederkeit der
Zeitschrift Die Bergstadt mit jenem schwarzumrahmten Mann zu tun, der nun in
der Berufskleidung des Heldentods von jener Stelle blickte, die früher dem Führerbild
vorbehalten war. Man würde etwas von ihm herauslesen wollen aus Hermann
Lönsens Werwolf, Cäsar Flaischlens Alltag und Sonne und aus des Rosendoktors
Ludwig Finckhs Bodenseher, dem der Brockhaus „Neigung zum Idyllischen und

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