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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zhg1983/0223
Besprechungen

Den Grundkonflikt der SPD, der die Parteigeschichte seit ihrer Gründung bestimmt, formuliert
Klotzbach gleich zu Beginn seines Buches, nämlich den »Widerspruch zwischen programmatischem
Anspruch und praktischen Möglichkeiten, revolutionären Zielperspektiven und tagespolitischer Bewährung
, chiliastischer Vision und reformerischen Teilerfolgen im jeweiligen Hier und Jetzt« (S. 25). Diesen
Widerspruch versuchte die SPD erstmals erfolgreich im Godesberger Programm zu überwinden, ohne ihn
damit aber auf Dauer beseitigen zu können, wie die innerparteilichen Auseinandersetzungen der letzten
Jahre gezeigt haben. Auch die Diskussionen in unseren Tagen belegen die Aktualität dieses Problems.

Klotzbach kommt das große Verdienst zu, erstmals eine Darstellung der innerparteilichen Entwicklung
der SPD von 1945 bis 1965 gegeben zu haben. Einige Einwände, die sich trotzdem erheben, sollen dieses
Verdienst nicht schmälern.

Die verarbeitete und zitierte Materialfülle wirkt teilweise erschlagend. Die namentliche Aufzählung
aller Kommissionen z. B. oder die halbseitigen Zitate in den Anmerkungen sind zwar sehr informativ,
führen aber gelegentlich dazu, daß man den roten Faden verliert. Auch die Notwendigkeit der weit über
3000 Anmerkungen ist nicht immer einzusehen. Es wäre sicher sinnvoller gewesen, einzelne Passagen etwas
zu kürzen und dafür die Parteientwicklung stärker in die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche
Entwicklung der Bundesrepublik einzuordnen, die leider zu kurz kommt.

Deshalb fällt die Beurteilung der SPD-Politik bis 1953 auch vergleichsweise hart aus, denn die unflexible
Haltung vieler SPD-Funktionäre, ihr Verhaftetsein in Denkschablonen der Weimarer Republik, ihre
Skepsis gegenüber der Öffnung nach rechts zu den Mittelschichten hatte eben, was bei Klotzbach kaum
erwähnt wird, ihre Entsprechung auf bürgerlicher Seite. Auch hier wurden die alten Vorurteile aus
Kaiserreich, Weimarer Republik und Drittem Reich fast liebevoll konserviert und von den Regierungsparteien
unter Adenauer recht massiv in den Wahlkämpfen der vierziger und fünfziger Jahre eingesetzt, wobei
sich Reste dieser Ressentiments bis heute in den Wahlauseinandersetzungen behaupten konnten.

Auf einen Punkt sei zum Abschluß noch hingewiesen. Für die meisten damaligen Zeitgenossen ist das
Buch wohl nicht lesbar. Nicht nur sein großer Umfang und sein wissenschaftücher Apparat behindern die
Lektüre am Feierabend, sondern auch eine teilweise mit Fremdwörtern überladene Ausdrucksweise. Sätze
wie »das Versäumnis einer realistischen Rezeption vorerst irreversibler westpolitischer Integrationsfakten
...« (S. 352) oder »..., programmverbindliche Lösung von marxistisch-patentsozialistischen Anachronismen
, ...« (S. 582) erhöhen sicher nicht die Lesbarkeit.

Wer sich dadurch aber nicht schrecken läßt, was sehr zu hoffen ist, erfährt sehr viel über die Anfäge
unserer Republik unter dem Blickwinkel einer der großen tragenden Parteien unseres politischen Systems.

Gundelfingen Thomas Schnabel

»Nehren« - Eine Dorfchronik. Von F.A. Köhler Hg. und kommentiert von Carola Lipp, Wolfgang
Kaschuba und Eckart Frahm. 1981. 214 S. (Tübinger Vereinigung für Volkskunde e.V. Schloss,
Band 52).

Der Pfarrer F. A. Köhler vollendete im Jahre 1838 seine Ortschronik von Nehren. »Und dies Alles macht
mir das Andenken an diesen Ort so werth«, daß er es auch seinen Söhnen erhalten wollte.

Er arbeitete mit verschiedenen Quellen, insbesondere mit Kirchenbüchern (infolge seines Amtes als
Pfarrer), sowie mit staatlichen und kirchlichen Ordnungen, Verwaltungsedikten, offiziellen Statistiken,
Sekundärliteratur (frühe württembergische Landesbeschreibungen, Journale, Lexika) und mit mündlichen
Auskünften der Einwohner Nehrens. Die Grundlage für seine Arbeit war aber die Bihnersche Chronik, von
Vater und Sohn Bihner zusammengestellt. Sie beruht auf den persönlichen Eintragungen der beiden.
Johannes Conrad Bihner wurde 1684 zum Geschichtsschreiber gewählt und sein Sohn setzte dessen Werk
bis ins Jahr 1766 fort.

Das Interesse des Autors an der Geschichte Nehrens erklärt sich auch aus seiner Herkunft. Sein Vater
war Pfarrer in Nehren, wie wir aus Köhlers kurzer Autobiographie in der Liste der Pfarrer von
Marschalckenzimmern erfahren. (Der Auszug ist im Anhang des Buches abgedruckt.) Köhler studierte in
Tübingen und trat nach seiner Vikarzeit 1805 seine Pfarrstelle an.

Köhlers Chronik ist im Buch wortgetreu abgedruckt und mit Anmerkungen der Herausgeber versehen.
Sie erklären die damaligen Schreibweisen, machen inhaltliche Ergänzungen zum besseren Verständnis,
Darstellungen der Gemeindeentwicklung bis heute und Richtigstellungen.

Die Chronik selber beginnt mit ausführlichen Aufstellungen zum dörflichen Alltag vom 16. Jahrhun-

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