Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., ZG 1563
Hohenzollerischer Geschichtsverein [Hrsg.]
Zeitschrift für Hohenzollerische Geschichte
24/25(111/112).1988/89
Seite: 217
(PDF, 60 MB)
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/zhg1988-89/0223
Wilhelm Mercy und das Schulwesen im Fürstentum Hohenzollern-Sigmaringen um 1810

Mercy auch beim Rechnen gerecht zu werden. Sein Vorschlag, den Kindern auf dem Lande kein
Rechenbüchlein an die Hand zu geben, weil sie keine komplizierten mathematischen Aufgaben
lösen müßten, vertieft zwar die Kluft statt sie einzuebnen. Denn mit Kopfrechnen und einfachen
Tafelanschrieben werden aus ungebildeten Kindern gewiß keine Rechenkünstler. Aber die
braucht es ja nicht in den Dörfern, wie Wilhelm Mercy meint. Andererseits sind gute Schulbücher
, die den abgestuften Fähigkeiten der Schüler entsprechen, rar. Besonders gute Lesebücher
fehlen. So bescheidet er sich mit dem Vorhandenen und empfiehlt für die 1. Klasse das
Namensbüchlein des Pfarrers aus Hart, für die 2. und 3. Klasse hält er die biblische Geschichte
von Felbiger6 für ausreichend, wenngleich jede Klasse ein eigenes Lesebuch haben sollte, schon
um in der 3. Klasse anhand schwieriger Texte das Lesen zu vervollkommnen.

Unentbehrlich sei auch für jedes Kind ein Gebetbüchlein, etwa das von Jais oder Nach,
hier allerdings, um die alten schlechten Gebetbücher mit der Zeit zu verdrängen. In diesem
Punkt darf man wohl den Aufklärer Mercy erkennen, der wie sein Vorgesetzter Wessenberg
mit manchem Brauch in der Kirche aufräumen wollte7. Seine pastoralen Bemühungen und
sein Verständnis von Beichte und Kommunion äußern sich in der Bemerkung, daß eine
Mitursache der derzeitigen sittlichen Verderbnis, wie sie in der mehr und mehr um sich
greifenden Dieberei auf dem Land festzustellen sei, das tiefeingewurzelte Vorurteil sei, durch
bloßes Sündenbekenntnis sich reinwaschen zu können. Dabei käme es auf die echte Reue und
Besserung an, um die Kommunion empfangen zu können.

Alle genannten Schulbücher sollten - um einen billigen Preis freilich - in der Hofbuch-
druckerei des Bartholomäus Herder8 zu Sigmaringen nachgedruckt werden. Allerdings hat
Pfarrer Mercy Bedenken, den Druckauftrag Herder zu erteilen, da der Verleger zwar ein
rüstiger Nachdrucker sei, aber seine Bücher nicht wohlfeil anbiete. In Tübingen gebe es einen
Drucker, der für einen halben Kreuzer den Druckbogen liefere. Außerdem sei zu befürchten,
daß Herder die zollersche Geistlichkeit und Schule mit allerlei Waren von sich abhängig
machen wolle, vor allem nichts ohne eine Subvention oder Garantieabnahme drucken werde,
so wie er es schon früher im Bistum Konstanz gemacht habe.

Pfarrer Mercys Warnung fand in Sigmaringen keine Beachtung. Als wäre es wichtiger,
einen Buchdrucker statt Schulbücher zu fördern, erscheint in der Ausgabe des »Wochenblattes
für das Fürstenthum Sigmaringen« vom 1. Oktober 1809 die Anordnung der Regierung, die
von ihr im Anhang dazu genannten und bei Herder vorrätigen Schulbücher zur Grundlage des
Unterrichts der Elementarschulen des Landes im Winterkurs 1809/10 zu machen. Die Preise
geben aber zur Befürchtung Anlaß, daß weder die Eltern noch die Schulträger imstande
waren, sie zu kaufen. Außerdem verraten die Buchtitel, daß im Fürstentum noch vielfach auf
andernorts, unter anderem in Bayern, verlegte Schulbücher zurückgegriffen wurde. Spezielle
Schulbücher, das heißt die Bedürfnisse des Landes berücksichtigende Lesebücher, sind in der
Liste nicht auszumachen. Wie wir heute wissen, gab es sie nicht. Dazu mußte erst ein

6 Gemeint ist Abt Johann Ignaz von Felbiger, der auf die maria-theresianische Schulreform großen
Einfluß hatte; er schrieb verschiedene Schulbücher. Wilhelm Mercy bezieht sich hier auf das »Lesebuch
für die Schüler der deutschen Schulen in den K.K. Landen«. 1774. Dazu Fritz Neukamm: Wirtschaft und
Schule in Württemberg von 1700-1836. 1956, S. 55-61.

7 Erwin Keller: Zur zeitgenössischen Kritik an Wessenbergs Liturgiereform. In: Oberrheinisches
Pastoralblatt 61 (1960) S. 237-247. In diesem Band sind noch andere Aufsätze zum Wirken Wessenbergs
veröffentlicht. Auch sie sind zum Verständnis der damaligen Reformbestrebungen hilfreich.

8 Herder hatte im Frühjahr 1808 bei der fürstlichen Regierung beantragt, in Sigmaringen eine Buchdruckerei
mit Verlag eröffnen zu dürfen. Der Fürst erteilte ihm die Lizenz. Noch im gleichen Jahr bat Herder um
die Genehmigung, ein öffentliches Wochenblatt herausgeben zu dürfen. Darin sollten alle Bekanntmachungen
und Verordnungen sowie gemeinnützige Aufsätze publiziert werden. Auch hier gab die Regierung dem
Gesuch statt. Herder gab daraufhin seine Verlagsbuchhandlung in Meersburg auf und widmete sich in
Sigmaringen seit Januar 1809 der Herausgabe des »Wochenblatt(es) für das Fürstenthum Sigmaringen«. Vgl.
zur Person Bartholomäus Herder ADB 12. 1880, S.54f.; Badische Biographien 3. 1881, S.52ff.; Handbuch
für Zeitungswissenschaft. Hg. von Walther Heide. Bd. II, col. 1673-1676. Leipzig 1942.

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