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Während nun aber die Sammlungen in einem so erfreulichen Maasse
anwuchsen, verbesserten sich die Verhältnisse der anatomischen Anstalt
den Anatomie ist heutzutage offenbar ein ganz anderes als früher.
Niemand wird bestreiten wollen, dass heutzutage eine Zoologie der
niederen Thiere gar nicht mehr gelehrt werden kann, ohne eine
vollständige anatomische Grundlage; Die Zoologie derselben
ist zugleich Zootomie. In Betreff der wirbellosen
Thiere ist daher der Vortrag der Zootomie im Wesentlichen nur
eine Wiederholung desjenigen über Zoologie, wie Jeder, der die
beiden Fächer vorgetragen, unzweifelhaft zugestehen wird. Zu
umgehen ist eine solche Wiederholung selbst dann nicht vollsändig,
wenn man in letzterem Vortrag nach Klassen, in ersterem nach
Organen vorgeht, allein die Schwierigkeit, den letzteren Weg zu
gehn, ist, da dabei unausbleiblich Zusammengehöriges auseinandergerissen
werden muss, so bedeutend, dass man sich nur schwer
entschliessen wird, ihn zu gehen. Wesentlich verschieden hievon
gestalten sich die Verhältnisse für die Wirbelthiere. Die
Zoologie kann sich hier auf die Anatomie bei weitem nicht in
der Ausdehnung einlassen, wie bei den Wirbellosen, sonst müsste
sie die ganze menschliche Anatomie nicht nur voraussetzen, sondern
in der That abhandeln. Sie wird daher auf diesem Gebiet einer
besondern anatomischen Vorlesung, nämlich einer Vorlesung über
vergleichende Anatomie den bei weitem grössten Theil des Anatomischen
überlassen müssen. Gerade ein solcher Vortrag über vergleichende
Anatomie der Wirbelthiere, in steter Beziehung zur
menschlichen Anatomie, wird für die letztere von grösstem Nutzen
sein und scheint mir an einer medicinischen Schule nicht fehlen zu
dürfen; denn die menschliche Anatomie, losgelöst von vergleichender
Anatomie und Entwicklungsgeschichte, verliert den fruchtbaren
Boden, auf dem sie allein neue Sprossen treiben kann. —
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