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Ein sehr hohes Alter ist demnach für diesen Zahn auf jeden Fall sicher gestellt, nur
lässt sich nicht entscheiden, ob es sich um Altpleistocän oder bereits um Tertiär handelt, ja
selbst die Möglichkeit, dass wir es nicht mit einem Menschen-, sondern mit einem Anthropoidenzahn
zu thun haben, erscheint keineswegs vollständig ausgeschlossen. Allein eine
definitive Lösung dieser Räthsel ist wenigstens vorläufig nicht zu erzielen.
Ein Vergleich mit Pithecanthropus hat keinen Zweck, da bei diesem der dritte Molar
trotz seiner viel bedeutenderen Grösse doch viel stärker reducirt erscheint als hier, und die
Wurzeln in ganz ungewöhnlicher Weise divergiren.
Recht ähnlich ist dagegen der obere M3 von Troglodytes sivalensis Lydekker1}
oder wie ihn Dubois nennt Palaeopithecus sivalensis.2) Die Form des Umrisses, die
Gruppirung und relative Stärke der einzelnen Höcker ist an dem chinesischen Zahn genau die
nämliche wie an dem M3 der indischen Anthropoiden, sie unterscheiden sich nur durch
geringe Grössendifferenzen sowie durch die Stellung der Wurzeln. Bei Troglodytes sivalensis
stehen sie weiter auseinander und die beiden Aussenwurzeln sind vollkommen von einander
getrennt. Wäre der vorliegende Zahn . in den Siwalik zum Vorschein gekommen, so würde
wohl kaum Jemand Bedenken tragen, ihn als M3 des genannten fossilen Anthropoiden zu
bestimmen.
Ein oberer M3 des paläolithischen Menschen von Krapina in Kroatien3) ist bis jetzt
anscheinend noch nicht gefunden worden. Immerhin besteht auch zwischen den oberen M
dieses alten Menschen und dem chinesischen Zahn insoferne eine gewisse Aehnlichkeit, als
auch bei diesen die Wurzeln dieses M auf eine ziemlich weite Strecke miteinander verwachsen.
Der neue Zahn steht also gewissermaassen in der Mitte zwischen dem des Siwalik Anthropoiden
und dem des ältesten, bis jetzt bekannten Menschen!
Wenn auch der schlechte Erhaltungszustand dieses Zahnes über dessen systematische
Stellung keinen näheren Aufschluss gibt, so fühlte ich mich doch verpflichtet, dieses Object
zu besprechen, anstatt es mit Stillschweigen zu übergehen.
Der Zweck dieser Mittheilung ist es, spätere Forscher, denen es vielleicht vergönnt ist,
in China Ausgrabungen vorzunehmen, darauf aufmerksam zu machen, dass dort entweder ein
neuer fossiler Anthropoide oder der Tertiärmensch oder doch ein altpleistocäner
Mensch zu finden sein dürfte.
Carnivora.
Ursus sp. Taf. I, Fig. 2, 5.
Von Tientsin liegt mir ein linker unterer Mi eines Bären vor, welcher seinem Erhaltungszustande
nach offenbar aus den Schichten mit Cervavus Oweni stammt und mithin
zweifellos dem Tertiär angehört. Die vordere Hälfte ist zwar weggebrochen, aber trotzdem
zeigt dieser unscheinbare Rest ungemein interessante und gerade für diese Gruppe der Raub-
thiere höchst wichtige Details in der eigenartigen Ausbildung seines Talons.
Der Innenzacken — Metaconid — kann hier nur sehr klein gewesen sein. Der Talon
besteht aus einem ziemlich kräftigen, mässig hohen, konischen Aussenhügel — Hypoconid ■—,
einem wesentlich kleineren Innenhügel — Entoconid — und einem winzigen, dicht an das
Hypoconid gerückten hinteren Hügel — Mesoconid —. Der Hauptzacken — Protoconid —
des Zahnes dürfte ziemlich niedrig gewesen sein. Auf der Aussen- und Hinterseite des Talons
befindet sich ein nicht sehr deutlicher Basalwulst. Ein Secundärhöcker zwischen Metaconid
und Entoconid ist hier nicht entwickelt.
*) Siwalik Maminalia. Supplement I. Palaeontologia Indica. Ser. X, Vol. IV, 1886. p. 2, pl. I, fig. 1.
2) Ueber drei ausgestorbene Menschenaffen. Neues Jahrbuch für Mineralogie etc. 1897, p. 84,
Taf. II, Fig. 1. 1 a.
3) Krambe r ger. Der paläolithische Mensch aus dem Diluvium von Krapina in Kroatien. Mittheilungen
der anthropologischen Gesellschaft in Wien 1901, p. 191.
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