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war, so dass man nicht einmal die Zahnzahl ihres Gebisses mit Sicherheit angeben konnte.
Dieser Kiefer bietet demnach nicht nur vom zoogeographischen Standpunkt aus, soferne hiemit
eine bisher ausschliesslich europäische Gattung in China nachgewiesen wird, sondern auch aus
morphologischen Gründen grösseres Interesse.
Der Kiefer hat ungefähr die halbe Grösse von dem eines Bibers und gehört auch
einem Thiere an, welches mit Castor ziemlich nahe verwandt ist. Er stammt aus den sandigmergeligen
Schichten, angeblich von Tientsin, und hat hellgraubraune Farbe, während der
vordere Theil des Nagezahnes dunkelblaugrau gefärbt erscheint. Yon den ursprünglich vorhandenen
vier Backenzähnen ist zwar der vorderste — P4 — ausgefallen, jedoch ist wenigstens
noch seine mit röthlichgrauem harten Gestein ausgefüllte Alveole vollständig erhalten, so dass
über die Yierzahl der Backenzähne — 1 P und 3 M — kein Zweifel bestehen kann. Die
Molaren sind scheinbar aus je drei schräg gestellten Lamellen von langgestreckt elliptischem
Querschnitt zusammengesetzt, von welchen die vordere nur halb so gross ist wie die beiden
anderen. Zwischen den Lamellen ist Cement eingelagert. Dies ist jedoch nicht der ursprüngliche
Bau der Zähne, denn es handelt sich nicht um vollständig getrennte Lamellen, sondern
um drei, durch tiefe, von Aussen eindringende Querfalten getrennte Einstülpungen des ursprünglich
zusammenhängenden Schmelzbleches. An den tieferen Partien der prismatischen Zahnkrone
bemerkt man jedoch auch jetzt noch, dass die drei Lamellen durch zwei kurze Schmelzbrücken
verbunden sind, von denen die erste an der Aussenseite, die zweite aber an der Innenseite
sich befindet. Die Zahnkronen setzen erst an ihrer sehr tief im Kiefer befindlichen Basis
Wurzeln an, und zwar jedenfalls nach Analogie der Unterkieferzähne aus den schwäbischen
Bohnerzen je zwei einfache Wurzeln am Vorderrande und je eine stark in die Breite gezogene
am Hinterrande. Der Nagezahn durchzieht den ganzen Unterkiefer und endet erst im aufsteigenden
Kieferast wie bei Biber. Yon den Backenzähnen ist der Prämolar der grösste,
während die Molaren von vorne nach hinten an Grösse zunehmen. Der Unterkiefer stimmt in
seinem Aussehen abgesehen von der Grössendifferenz, ganz mit dem von Biber überein,
namentlich auch in der Ausbildung der Masseteransatzstelle.
Dimensionen:
P4 Länge 7,5 mm; Breite 5,5 mm
Mi „ 4,5 „ ; „ 5.5 „ an der Kaufläche gemessen
M2 „ 5.5 „ ; „ 5,5 „
M3 „ 5,7 „ ; „ 5,3 „
Länge der unteren Zahnreihe 22 mm; Länge des Kiefers vom Vorderrand des Nagezahnes
bis zu dessen Hinterende 60 mm; Höhe des Unterkiefers vor P4 19 mm; hinter M3 13 mm.
Die zu demselben Thier gehörigen Oberkieferzähne hatten nach der Analogie der Zähne
aus den Bohnerzen im Gegensatz zu den Unterkieferzähnen zwei Aussenfalten, von denen jedoch
die erste nur bis zur Mitte der Kaufläche reichte und hier durch eine schmale, beiderseits von
Schmelz eingefasste Dentinbrücke von der entgegenkommenden Innenfalte getrennt war. Nur
der letzte Molar des Oberkiefers hatte eine dritte Aussenfalte. Was die Wurzeln der Oberkieferzähne
betrifft, so befand sich die grosse breite auf der Innenseite, die beiden einfachen
aber standen an der Aussenseite.
Die Oberkieferzähne dieses Biber-ähnlichen Nagers sind als solche auch dadurch von
den Unterkieferzähnen zu unterscheiden, dass sich ihre Kronen nach auswärts und rückwärts
anstatt nach vorwärts und einwärts krümmen.
Yon Castor unterscheidet sich Dipoides durch die geringere Zahl der Falten. Dies
ist jedoch kein Grund, warum diese Gattung nicht doch ein Castoride sein sollte, denn im
nordamerikanischen Tertiär gibt es gleichfalls Castoriden mit nur zwei Falten.
Die Gattung Dipoides wurde schon vor 70 Jahren von F. Jäger für die erwähnten,
von mir1) kürzlich neuerdings beschriebenen Zähne aus den schwäbischen Bohnerzen aufgestellt
x) Schlosser. Beiträge zur Kenntniss der Säugethierreste aus den süddeutschen Bohnerzen.
Geologische und paläontologische Abhandlungen von Koken. Bd. Y (IX), Heft 3, 1902, p. 21. Taf. 1 (VI)
Fig. 18. 20-23, 25, 27. 29.
Abh. d. IT. Cl. d. k. Ak. d. Wiss. XXII. Bd. I. Abth. a
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