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Poebrotherium, aber anscheinend auch noch bei Protolabis1) und selbst bei der lebenden
Gattung Auchenia sind sie viel kräftiger als bei der Gattung Camelus, bei Poebrotherium
sogar im Yerhältniss ebenso stark wie an den beiden Zähnen aus China.
Es besteht somit kein Hinderniss, diese letzteren einem Tylopoden zuzuschreiben und
die Anwesenheit von Rippen an den Aussenhöckern für ein alterthümliches Merkmal anzusprechen.
Der neue Tylopode, für welchen wegen dieses Merkmals, verbunden mit ungewöhnlicher
Körpergrösse unbedenklich nicht bloss eine besondere Species, sondern sogar ein besonderes
Genus errichtet werden darf, verhält sich demnach im Zahnbau sehr primitiv und sein einziger,
an den Zähnen erkennbarer Fortschritt besteht in gewaltiger Zunahme seiner Körpergrösse.
Ausser diesen Mittelrippen auf den beiden Aussenhöckern, von denen aber der zweite
bedeutend kleiner ist als der erste, haben diese Molaren auch eine kräftige Falte an der Vorder-
aussenecke und eine schwächere in der Mitte der Aussenseite. Die beiden Innenmonde sind
wesentlich gestreckter als bei den Wiederkäuern. Auch ist die Oberfläche des Schmelzes
fast ganz glatt anstatt rauh wie bei diesen. Die beiden M erweisen sich also auch hierin als
solche eines Tylopoden.
Die beiden Zähne haben dunkelgraue Farbe und sind vollständig fossilisirt. Der eine
stammt aus Honan, der andere angeblich von Tientsin. Der erstere — ein M2 — steckt noch
in einem Bruchstück des Oberkiefers, an welchem noch eine graue harte Gesteinsmasse — wohl
ein Süsswassermergel — anhaftet. Es ist daher wohl nicht zu zweifeln, dass diese Molaren
ungefähr das nämliche geologische Alter haben wie die Zähne von Hipparion Richthofeni etc.
Die Dimensionen dieser Zähne sind:
Mi Länge 47 mm; Breite 38 mm an der Basis; Höhe 25 mm? frisch
Ma „ 50 „ ; „ 41 „ • „ „ „ ; „ 36 „
Länge der drei Molaren ungefähr 140 mm gegen 120 mm bei Camelus sivalensis.
Die Zähne dieses chinesischen Tylopoden sind demnach etwas grösser als solche von
Camelus sivalensis, welcher seinerseits wieder etwas grösser war als der lebende Camelus
dromedarius. Es liegt daher die Annahme sehr nahe, dass der fossile Camelide von China
und Camelus sivalensis aus einer gemeinsamen Stammform hervorgegangen sind, deren
Grösse etwa der von sivalensis gleichkam, während ihre Molaren noch nach dem primitiveren
Typus der chinesischen Form gebaut waren, also noch kräftige Mittelrippen auf den Aussenhöckern
besassen. Camelus sivalensis wäre alsdann im Zahnbau in der Richtung der Gattung
Camelus vorgeschritten ohne sonstige Veränderung, die chinesische Form dagegen hätte den
alterthümlichen Molarentypus bewahrt und nur in der Zunahme der Körpergrösse Fortschritte
gemacht.
Die gemeinsame Stammform von Camelus sivalensis und dem chinesischen Tylopoden
ist jedenfalls aus Nordamerika gekommen, wo die Tylopoden bereits vom Mitteleocän an durch
alle Horizonte durchgehen2) und bis in das Pleistocän fortsetzen, aber namentlich im Loup
Fork Miocän einen bedeutenden Formenreichthum entfalten. Manche derselben, z. B. die
Gattung Alticamelus3) mit Giraffenähnlichem Hals, sind freilich ohne Hinterlassung von
Nachkommen ausgestorben, dagegen wäre die Gattung Protolabis des Deep River Miocäns
nach Wortman — 1. c. — p. 141 der Stammvater sowohl der jetzt in Südamerika lebenden
Gattung Auchenia, als auch der jetzt auf die alte Welt beschränkten Gattung Camelus,
welche aber in Nordamerika neben den erloschenen Gattungen Camelops und Eschatius
noch im Pleistocän gelebt hat.
Dass die Gattung Protolabis mit der chinesischen Form die Anwesenheit starker Mittelrippen
auf den Aussenhöckern der oberen M gemein hat, wurde bereits oben erwähnt. Protolabis
1) Matthew. Fossil Mammals of Colorado. Memoirs of the American Museum of Natural History.
New York, 1901, Vol. I, Part VII, p. 436, fig. 31, 32.
2) Wortman, J. L. The Extinct Camelidae of North America and some Associated Forms.
Bulletin from the American Museum of Natural History. New York, Vol. X, 1898, p. 93—142.
3) Matthew, W. D. Fossil Mammals from Colorado. Memoirs of the American Museum, 1901, p. 429.
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