http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/RA_4_2014_47/0101
97
kann daher unbedenklich als Stammform der chinesischen Form angesehen werden, dagegen
scheint der directe Nachkomme von Protolabis, Procamelus, im Bau der oberen M bereits
der Gattung Camelus sehr ähnlich gewesen zu sein, wesshalb wohl die mit Procamelus
gleichaltrige Gattung Pliauchenia eher das Mittelglied zwischen Protolabis und den beiden
fossilen asiatischen Tylopoden bilden wird.
Wenn nun auch die directe Ahnenreihe des chinesischen Cameliden und des Camelus
sivalensis zur Zeit noch nicht genauer festgestellt werden kann, so ist doch soviel sicher,
dass sie auf eine aus Nordamerika eingewanderte Form zurückgehen.
Es erscheint mir nicht unwichtig, dass auch Lydekker1) an den unteren Molaren von
Camelus sivalensis Merkmale beobachtet hat, wodurch diese ein alterthümlicheres Gepräge
erhalten als jene der lebenden Arten der Gattung Camelus und zugleich denen der übrigen
Selenodonten ähnlicher werden.
Die unteren M tragen nämlich zwischen den beiden Innenhöckern eine verticale Falte,
welche den Zahn in zwei Hälften theilt und beiderseits von einer schmalen Grube begrenzt
wird, und ausserdem auch an der Yorder- und Hinterecke eine aufsteigende Falte, während
bei den lebenden Kameelen diese Randfalten sehr schwach entwickelt sind, und an Stelle der
Mittelrippe eine flache breite Rinne vorhanden ist. Ausserdem ist auch bei Camelus sivalensis
die Vorderaussenkante der unteren Molaren mit einer Falte versehen, die bei den
lebenden Kameelen fehlt, wohl aber bei Auchenia vorhanden ist. Lydekker ist daher
geneigt, eine nähere Verwandtschaft zwischen Camelus sivalensis und Auchenia anzunehmen.
Merkwürdiger Weise ist ihm jedoch die Anwesenheit der Mittelrippen auf den beiden
Aussenhöckern der oberen Molaren entgangen, er spricht vielmehr davon, dass die oberen
Molaren von Camelus sivalensis mit solchen-der recenten Camelusarten vollkommen überstimmen
, abgesehen .von ihrer geringeren Grösse. Allein die Abbildungen in Falconer's
Palaeontologia Indica zeigen zum Theil die erwähnten Mittelrippen sehr deutlich, noch besser
aber erkennt man dieselben an dem Gipsabguss des Falconer'schen Originales von pl. 86, Fig. 2.
Cervicornia.
Giraffinae et Sivatheriinae.
Die Giraffinae sind unter dem fossilen chinesischen Säugethiermateriale durch zwei
Genera mit drei oder vier Arten vertreten; zu den Sivatheriinen dürfen einige Zähne gerechnet
werden, welche sich nicht genauer generisch bestimmen lassen, wie überhaupt das
Gebiss der einzelnen Gattungen dieser Unterfamilie noch recht ungenügend bekannt ist.
Bevor ich jedoch an die Beschreibung der zahlreichen, allerdings meist isolirten Giraffinen-
zähne und der spärlichen Sivatheriinenzähne gehe, muss ich einige Bemerkungen über die
bisher bekannten fossilen Formen der Giraffinen sowie über die überhaupt nur fossil existi-
renden Sivatheriinen vorausschicken.
Lydekker fasst beide Unterfamilien als Camelopardalidae zusammen, so dass also
auch die Gattungen Sivatherium. Bramathe rium, Vishnutherium und Hydaspitherium
sowie das bisher nur durch ein Schädelfragment repräsentirte Genus Urmiatherium in engste
Beziehung zu den Giraffen kommen, andere Autoren trennen dagegen nach dem Vorgang
Rütimeyer's diese Gattungen als Sivatheriidae von den Camelopardalidae ab. welche
dann — in v. Zittel's Handbuch nur als Giraffinae angeführt und zwar als Unterfamilie
der Cervicornia — die Gattungen Camelopardalis. Alcicephalus. Samotherium, Pa-
laeotragus und Helladotherium umfassen würden, denen aber auch wie ich hier vorausschicken
will, eine der beiden von Lydekker beschriebenen Arten von Hydaspitherium,
nämlich H. grande beizufügen wäre, denn hiezu gehört alter Wahrscheinlichkeit nach der
vermeintliche Helladotheriumschädel aus den Siwalik.
') Indian Tertiary and Posttertiary Vertebrata. Palaeont. Indica. Ser. 1876. Vol. I, Part. II, p, 43.
Abb. d. II. Cl. d. k. Ak. d. Wiss. XXII. Bd. I. Abth. 13
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/RA_4_2014_47/0101