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Diese Vereinfachung ist dem glücklichen Umstände zu verdanken, dass trotz der fabelhaften
Bereicherung, welche die Zahl der fossilen Säugethiere in den 15 Jahren seit dem
Erscheinen der Koken'sehen Arbeit erfahren hat, doch auch die Sichtung dieses Materiales
wesentliche Fortschritte gemacht hat, so dass es jetzt nicht mehr wie damals nöthig ist, jeden
Zahn jeder einzelnen Species mit denen aller übrigen Arten des nämlichen Genus zu vergleichen
, vielmehr darf man sich jetzt getrost darauf beschränken, solche Reste nur mit jenen
der als allernächste Verwandte erkannten Arten aus den geologisch unmittelbar vorausgehenden
und unmittelbar nachfolgenden Schichten näher zu confrontiren.
Wir haben heutzutage dank der weitgediehenen Durcharbeitung und naturgemässen
Gruppirung des fossilen Säugethiermateriales nur mehr nöthig, neue, oder durch den neuen
Zugang wesentlich ergänzte, aber doch schon länger bekannte Formen in die schon ohnehin
ziemlich sicher vorgezeichneten Stammesreihen einzufügen und zu prüfen, ob sie Merkmale an
sich haben, welche sie geeignet erscheinen lassen, als Vorfahren oder Nachkommen von dieser
oder jener Art oder Gattung, ja selbst von dieser oder jener Unterfamilie zu gelten, oder ob
sie sich als gänzlich erloschene Typen erweisen durch den Besitz von Merkmalen, welche mit
der Organisation späterer Formen nicht in Einklang zu bringen sind.
Gerade in dieser Beziehung haben unsere Kenntnisse der fossilen Säugethiere in den
beiden letzten Dezennien so bedeutende Fortschritte gemacht. Wir haben jetzt genaue Kenntnisse
von den Gesetzen, welche die Entwickelung der einzelnen Säugethierstämme regeln und zwar
in zweierlei Richtung, nämlich als Progression und als Reduction, wobei aber letztere ebenfalls
gewissermaassen als Progression, als Fortschritt zur Geltung kommt. Die Fortschritte1) äussern
sich, soweit sie sich an fossilen Säugethieren beobachten lassen, in folgender Weise:
1) Zunahme der Körpergrösse.
2) Zunahme und Complication des Gehirns und dementsprechend auch des Craniums.
3) Specialisirung der Schädelform durch Verkürzung des Gesichtsschädels — Primaten,
gewisse Fleischfresser — oder Entwicklung von Geweihen oder Hörnern — gewisse Hufthier
e.
4) Reduction des ursprünglichen Gebisses der Placentalier mit |JjC, |P|M und
^•JD ^-CD APD (Milchgebiss) — durch Verlust von gewissen Incisiven, Caninen und Prämolaren
bei Hufthieren. Nagern und Primaten und Verlust von gewissen Molaren und
Prämolaren bei Fleischfressern und Fledermäusen, und ausserdem auch von gewissen
Incisiven und Caninen bei Insectivoren — verbunden mit Umgestaltung von Caninen in
Incisiven und mit Complication von Prämolaren.
5) Umgestaltung der ursprünglich fünfzehigen Extremitäten in vierzehige bei einigen
Fleischfressern und selbst bei Primaten, in dreizehige bei gewissen Nagern und Unpaarhufern
, in vier- resp. zweizehige bei den Paarhufern und sogar in einzehige bei dem
Pferdestamm.
Morphologische und phylogenetische Resultate.
Primates.
Der einzige, diese Ordnung vertretende Zahn, ein M3 des linken Oberkiefers, ist leider
zu stark abgekaut, als dass man ihn generisch bestimmen könnte. Er könnte ebenso gut einem
Menschen, als einem neuen Anthropoidengenus angehören. In seinen noch erkennbaren Merkmalen
erweist er sich gewissermaassen als eine Mittelform zwischen Palaeopithecus sivalensis
und dem Menschen von Krapina. Mit dem Ersteren hat er die Zahl und Stärke der Höcker
gemein, mit dem Letzteren die Verwachsung der Wurzeln. Leider lässt sich die ursprüngliche
l) Es können hier nur die allerwichtigsten Modifikationen angegeben werden, die bei den hier
beschriebenen Formen erfolgt sind.
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