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verschwemmt und in Vertiefungen der damaligen Bodenoberfläche abgesetzt und mit ihm auch
die Cadaver der bei solchen localen Fluthen ertrunkenen Säugethiere. Ich halte diesen rothen
Thon für eine den Phosphoriten des Quercys,1) den schwäbischen Bohnerzen und dem rothen
Thon von La Grive St. Alban durchaus analoge Bildung. Die Thierreste behalten unter solchen
Umständen weisse Farbe, soferne sie nicht in enge Spalten mit stark eisenhaltigem Mineral
gerathen sind, wie das in den schwäbischen Bohnerzen der Fall war.
Die Sandsteine und Mergel hingegen sind jedenfalls eine Ablagerung aus Süsswasser,
abgesetzt in Deltas oder an Krümmungen grosser Flüsse oder in grösseren oder kleineren
Seebecken. Das Gesteinsmaterial ist verschwemmter und zerkleinerter Detritus von anstehenden
Schichten, jedoch hat Transport auf weite Strecken stattgefunden. Wie alle Wirbelthierreste
aus dem Tertiär, welche unter Wasser abgelagert worden sind, haben nun auch diese aus den
Sanden und Mergeln eine dunkle Farbe.
Thone wie in Schansi, Schensi und Szctschwan scheinen aber auch noch in anderen
Theilen von China zu existiren, wenigstens liegen mir auch Hipparionzähne vor von der
nämlichen Beschaffenheit wie solche aus Schansi, welche angeblich theils aus der Provinz
Kwantung, theils aus dem Tschekiang-Gebirge bei Ningpo stammen sollen.
Auch die von Lydekker2) beschriebenen Säugethierreste aus der Mongolei haben nach
Angabe dieses Autors den nämlichen Erhaltungszustand, wie jene aus den rothen Thonen von
Schansi, aber merkwürdiger Weise konnte ich keine der von Lydekker aufgezählten Arten
— Hyaena macrostoma, Gazella äff. subgutturosa und Equus sivalensis unter dem
mir zur Verfügung stehendem Materiale aus den rothen Thonen nachweisen. Sollten diese drei
Arten vielleicht doch einem höheren Horizonte angehören als die Hipparionenfauna aus den
rothen Thonen Chinas?
Die H ippario nfaunen in Europa und Asien werden von der Mehrzahl der Autoren in
das untere Pliocän gestellt, von anderen aber als Obermiocän angesehen. Diese Unsicherheit
kann jetzt als beseitigt gelten, nachdem Vacek3) gezeigt hat, dass zwischen der sarmatischen
Stufe, welche unzweifelhaft noch zum Miocän gehört, und der pontischen Stufe eine Trockenperiode
existirt, in welcher die Pikermi-Hipparion-Fauna gelebt hat, eine Trockenperiode,
welche die naturgemässe Grenzmarke zwischen den Ueberfluthungsphasen der mioeänen und der
plioeänen Zeit darstellt. Für die Verhältnisse in China ist diese Frage, ob Miocän oder Pliocän,
jedoch überhaupt ganz nebensächlich, da eine ältere Fauna dort bis jetzt noch nicht beobachtet
wurde. Viel wichtiger erscheint vielmehr die Thatsache, dass hier eine neue und zwar überaus
artenreiche Hipparionenfauna erschlossen worden ist, welche uns noch viele wichtige Beiträge
zur Stammesgeschichte der altweltlichen Säugethierfaunen liefern wird.
Was das Verhältniss dieser chinesischen Hipparionenfauna zu anderen geologisch
gleichaltrigen Thiergesellschaften betrifft, so verlohnt eigentlich nur ein Vergleich mit jener
in Maragha in Persien und jener indischen, welche gewöhnlich als Siwalikfauna bezeichnet
wird, die aber selbst wieder aus mehrereu, auch räumlich weit auseinander liegenden Faunen
besteht. In Europa kennt man H i p p a r i o n e n faunen von Concud in Spanien, Cucuron,
Mont Leberon, Croix Rousse in Frankreich, Eppelsheim in Hessen, aus den schwäbischen
Bohnerzen — Salmendingen. Meiehingen, Trochtelfingen etc. — aus den Belvedere-Schottern
und Congerien-Schichten des Wiener Beckens, von Baltavar in Ungarn, aus Rumänien und
Südrussland, aus Casino4) in Italien, aus Pikermi und Negroponte in Griechenland und aus
Samos und Troja in Kleinasien. Einige Arten wurden auch im Crag von Suffolk in England
nachgewiesen.
*) Nur die höheren Lagen enthalten hier Säugethierreste.
2) Records of the Geological Survey of India. 1891, Vol. XXIV, p. 207.
3) Ueber Säugethierreste der Pikermifauna vom Eichkogel bei Mödling. Jahrbuch der k. k. geolog.
Reichsanstalt Wien. 1900, Bd. 50, p. 186.
4) Diese nur mangelhaft bekannte Fauna scheint aber doch ein wenig jünger zu sein.
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