http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/RA_4_2014_47/0213
209
Die Beziehungen der asiatischen Häpparionenfaunen zur früheren und zur
jetzigen Thierwelt.
Kehren wir nun nach dieser keineswegs überflüssigen Abschweifung wieder zu unserer
chinesischen Hipparionenfauna zurück und werfen wir noch einmal einen Blick auf ihre
Zusammensetzung, so werden wir mit Leichtigkeit die Anwesenheit von viererlei Faunenelementen
feststellen können, nämlich:
1) Gemeinsame Typen aller Hipparionenfaunen, bestehend aus den Gattungen Felis,
Machairodus, Palhyaena, Hyaena, Mastodon, Aceratherium, Chalicotherium,
Hipparion, Palaeoreas und Tragocerus.
2) Arktische Typen: Ursus, Lutra, Meies, Dipoides, Cervus, eventuell sind auch
arktisch die hypselodonten Antilopen, Paraboselaphus, ein Analogon der Antilope Jägeri
in Deutschland und Pseudobos, ein Analogon der beiden grossen Antilope sp. von Maragha.
3) Westasiatische Typen: Die Camelopardaliden — die kleine Camelopardalisart
und die Gattung Alcicephalus — sowie Aceratherium Blanfordi und Rhinocerotiden
mit flacher Aussenwand an den oberen Molaren — Rhinoceros Habereri China, Atelodus
Neumayri Maragha — und Gazellen.
4) Indische Typen, wie wir sie vorläufig nennen wollen: Canis, Yulpes, Mastodon
latidens, Pandionis, Equus sivalensis, primitive an Palaeochoerus und Hyotherium
erinnernde Suiden, Hippopotamus, Camelus, Camelopardalis sivalensis, Cervus
sivalensis, simplicidens, Protetraceros, Strepsiceros, Paraboselaphus — Bose-
laphus in Indien —, Pseudobos — Bucapra in Indien. Statt „indische" Typen könnten
wir wohl mit dem nämlichen Recht „chinesische" Typen setzen, denn es erscheint sehr fraglich,
ob bereits die Vorfahren dieser Typen in Indien gelebt haben, ja von einem grossen Theil
der eben genannten Formen wissen wir sogar mit voller Bestimmtheit, dass dies nicht der
Fall war, denn sie erweisen sich als die Nachkommen von Typen des europäischen Miocän,
andere hingegen, nämlich die Tylopoden, können nur aus Nordamerika gekommen sein.
Es erübrigt uns nunmehr näher zu untersuchen, wo etwa die Heimath der oben aufgezählten
Formen des chinesisch-indischen Tertiärs gewesen sein könnte, denn dass bereits
ihre Vorfahren hier gelebt haben sollten, ist nicht wohl anzunehmen, weil sogar die älteste
bekannte asiatische Säugethierfauna, nämlich die Antracotheriumfauna von Sind, welcher
vermuthlich auch der dortige Mastodon angustidens angehört, wenigstens zum grösseren
Theil augenscheinlich aus Europa stammt. Für Mastodon selbst Hesse sich freilich auch
afrikanischer Ursprung annehmen, er könnte vielleicht auch der direkte Nachfolger des ägyptischen
Palaeomastodon1) sein und sich von Indien aus nach Europa verbreitet haben, wo er erst
im Mittelmiocän auftritt, während er in Indien vielleicht schon im Untermiocän, wenn auch
als eine andere Species, gelebt hätte. Mit dieser Annahme Hesse sich auch das relativ späte
Erscheinen der Gattungen Anthracotherium und Ancodus iu Indien ganz gut in Einklang
bringen. Dass dieselben auch hier schon wie in Europaa) in der Hauptsache dem Oligocän
1) Andrews, C. W. Extinct Egyptian Vertebrates. Geological Magazine 1901, p. 401, fig. 1.
Mit diesem Palaeomastodon hat im Unteroligocän in Aegypten auch schon Ancodus existirt. Dass
auch diese Gattung sich zuerst nach Indien und dann erst nach Europa gewandt haben sollte, ist bei
ihrer relativen Häufigkeit in Europa höchst unwahrscheinlich. Sie wurzelt vielmehr augenscheinlich in
Formen des europäischen Eocän und hat sich von hier aus auch nicht bloss nach Süden und Südosten,
sondern auch nach Westen, nämlich nach Nordamerika, verbreitet.
2) Anthracotherium und Ancodus kommen nur vereinzelt noch im Untermiocän vor, erstere
Gattung in Vaumax, letztere in Treteau — Dep Allier.
Abh. d. II. Cl. d. k. Ak. d. Wiss. XXII. Bd. I. Abth. 27
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/RA_4_2014_47/0213