Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., F 764,n - 23.1880
Die Bauhütte: Zeitung für Freimaurer
Leipzig, 1880
Seite: 82
(PDF, 136 MB)
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dem Beamtenthum, das ganze Aeussere der Loge, wenn
man sich dasselbe durch den Complex der diesselbe
frequentirenden Brüder verkörpert denkt, wechselt. So
muss der Lehrling, wenn er den während des einen
Maurerjahres genährten Wunsch, die übrigen Brüder
näher kennen zu lernen, im anderen Jahre erfüllt glaubt,
zu seiner Bestürzung wahrnehmen, dass nunmehr ein
guter Theil der früher eifrigen Brüder seinem Verkehr
entschwindet.

Wahrhaft traurig aber ist eine Wahrheit, deren
Eindruck sich Jeder selbst verschaffen kann, wenn er
sich befleissigt, den Blick in die Logenkalender kritisch
sein zu lassen und seine Beachtung darauf zu richten»
wieviel Maurer im ersten oder zweiten Grade stabil geworden
sind. Weiter, wenn er sich deren Anlagen,
Stellung u. s. w. vergegenwärtigt, wenn er oft wahrnimmt
, wie sie sich den Anforderungen des Bundes entsprechend
betragen, wie sie oft werkthätig Frmrei üben,
und, man möchte meinen, imContrast hierzu, es meiden,
der Welt als Angehörige des Bundes zu erscheinen.

Und die Kehrseite! Sie ist bitter, muss aber offen
enthüllt werden. Freilich, um sie zu sehen, muss man
die Stimmen der profanen Welt nicht ohne Weiteres
missachten, wenn sie darauf hinweisen. Es giebt Mstr.-
Maurer, oft starken Einflusses in Amt und Würden in
der Loge, über welche der Profane sein Urtheil in einem
oft zweideutigen Achselzucken abgiebt, welche selbst
von Brn dann gemieden werden, wenn es gilt, einen
Br als Beistand zu haben.

Schweigen will ich von Beobachtungen, wie sie
hoffentlich von mir als Raritäten aufbewahrt werden
können, wohin ich z. B. die Unkenntniss des Logenvor-4
Standes über den Inhalt der Gesetze, das Nichtwissen
des geläufigsten Rituals u. dgl. rechne; aber nicht unerwähnt
will ich eine Klasse von Maurern lassen, obgleich
es mir Ueberwindung kostet, sie hier hervorzuheben:
Das sind diejenigen, welche die Zeit während der Logen-
Arbeit mit Gähnen und Dehnen ausfüllen .... Doch,
das Missfallen, welches ich an solchen habe, möchte mich
zu einem die Sache beeinträchtigenden Exkurs verleiten;
darum wende ich mich ab von ihnen. —

Ich habe traurigen, ja verstimmten Gemüths oft an
der realen Existenz einer grossen Aufgabe der Frmrei
verzweifelnd nach Ursachen für die angeführten Uebel-
stände gesucht; anfanglich, ehe ich zu einem die grosse
Idee der Frmrei fassenden Gedanken durchdrang, glaubte
ich es nur mit Uebelständen, die aus der individuellen
Gestaltung der leidenden Logen hervorgingen zu thun
zu haben; jetzt, nachdem ich mich gewöhnt, nicht nur
Einzelbeispiele auf ihre besonderen Ursachen, sondern
die Gesammtheit der Beispiele auf eine gemeinsame Ursache
zu durchforschen, bin ich überzeugt, dass die Frmrei
— vielleicht erst hier, da, dort, aber bereits mehr als
sporadisch — an einem schweren Uebel krankt, an einem
Uebel, welches ich glattheraus Wachs sucht nennen
möchte, an der Sucht, auf Kosten der Qualität die Quantität
zu verbessern. Mit der Erkenntniss dieses Uebels
suchte ich das Mittel zur Heilung: es kann nur liegen
in der Befolgung meines sehnlichsten Wunsches, dass

„doch bei den Aufnahmegesuchen mit peinlichster Gewissenhaftigkeit
die Qualitäten der Suchenden geprüft
werden möchten." In diesen Worten liegt mehr, als
beim oberflächlichen Hinsprechen scheint.

„Ein freier Mann von gutem Ruf" soll sein, wer
Aufnahme in unsern Bund begehrt; nichts mehr braucht
er zu sein, nichts weniger darf er sein. Ich nehme
keinen Anstand, hier zu behaupten, dass der Inhalt des
geforderten Manneswerths bei der Prüfung von Suchenden
nur noch als tönendes Wort, nicht als die reiche
Summe der Eigenschaften, welche ihn ausmachen, in Betracht
gezogen wird. Ganz abgesehen von dem Begriff
eines freien Mannes beabsichtigeich, nur das Requisit
des guten Rufs ins Auge zu fassen.

Also nach meiner Beobachtung ist der „gute' Ruf
des Suchenden regelmässig nur eine Phrase, gegen deren
Anwendung sich nie ein Bedenken erhebt, so lange nicht
dem Suchenden geradezu eine ehrbeeinträchtigende Handlung
nachgewiesen wird. Die Uebung, welche ich bei
Aufnahme von Suchenden zu beobachten Gelegenheit
fand, bestand in nichts weiter, als in der Feststellung,
dass dem Suchenden keine Makel anhaften, dass man
nichts Nachtheiliges über ihn zu sagen wisse. Diese
Uebung fasst also den Begriff: guter Ruf im Grunde
genommen als: Abwesenheit bösen Rufs. Die Uebung
ist weit verbreitet; und doch ist sie der directe
Abweg von dem Pfade zu einer Blüthe der Mrei. Denn
ihr sind alle Eingangs aufgezählten Krankheitserscheinungen
zuzuschreiben. Man erwäge nur, welche Personen
dadurch zur Aufnahme in den Bund berechtigt
werden: auch diejenigen, mit welchen sich die profane
Welt gar nicht beschäftigt, nicht weil die Persönlichkeiten
es gemieden, in ihrem Thun und Treiben bekannt
zu werden, sondern weil sie der Welt gleichgültige
Einzelwesen sind und bleiben. Alle die Alltagsmenschen,
die Niemandem etwas zu Leide thun, die aber auch
gegen die Mängel der Menschenexistenz gleichgültig
sind, sie alle in ihrer unendlichen Manigfaltigkeit des
Daseins summiren dann unter den zur Aufnahme befähigten
Aspiranten. Diese Alltagsmenschen sind der
Schwamm, welcher an den festen Säulen des Weltbaus
frisst; ihr Eindringen in die Loge ist der Beginn der
Krankheit, deren Verlauf oft ein rapider ist. Wohl der
Loge, die zu rechter Zeit erkennt, in welchen Mitgliedern
sie Angehörige der gedachten Kategorie erworben
hat, und die sich nun mit ihren besten Männern auf
die Wacht stellt, um den immer neu Anstürmenden die
rechte Abweisung zu Theil werden zu lassen; denn das
ist die schlimmste Eigenschaft der Alltagsmenschen,
dass sie sofort den Stamm jener Freimaurer zu bilden
beginnen, welche man zur Unterscheidung ihrer Genossen
des profanen Lebens — den braven Bierphilistern —
im maurerischen Leben die Freimaurerphilister beschönigend
nennt; dass sich aber die Freimaurerphilister
erst wohl fühlen, wenn die Gevatter- und Nachbarschaft
des gleichen Glückes eines verschwiegenen und ungestörten
Zusammenseins in der Loge, der gemüthlichen
Brudermahle und der billigen Getränke — zum Selbstkostenpreis
— theilhaftig geworden ist, dass sich an


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