http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/bauhuette1880/0192
Ü2: 24.
Die
Begründet und herausgegeben
von
BK J. GL FINDEL.
XXIII. Jahrgang.
Organ für die Gesammt-Interessen der Freimaurerei.
Mie¥*> §§ie,,e' Sebe"-
Leipzig, den 12. Juni, 1880.
Von der „Bauhütte" erscheint wöchentlich eine Nummer (1 Bogen). Preis des Jahrgangs 10 Mark.
Die „Bauhütte" kann durch alle Buchhandlungen bezogen werden.
Inhalt: Der (l utsche Reichskanzler und die Freimaurer. Vom Herausgeber d. Bl. — Ueber Abschaffung der Hochgrade. Von Br Hoevet in Vaslui. —
Feuilleton: Bayreuth. — Buxtehude. — Schweiz. — Ungarn. — Der Verein zu Rath und That. — Neue Logen. — Kein Missverständniss. — Central-
hilfskasse. — Briefwechsel. — Anzeigen.
Der deutsehe Reichskanzler und die Freimaurer.
Vom Herausgeber d. Bl.
Der nervöse leitende Staatsmann scheint das Be-
dürfniss zu fühlen, seinen Gang nach Canossa durch
eine Aktion wider das Frmrthum zu verschleiern und
vergessen zu machen. Das Ende des Culturkampfes
soll, wie es scheint, der Anfang einer Logenhatz werden.
Erstem- wurde den alten Freunden zu Liebe begonnen,
um sie für seine reaktionären Bestrebungen blind zu
machen und warmzuhalten; letzterer dürfte den neuen
Freunden, den Klerikalen zu Liebe unternommen werden
, um das Gebäude der Autokratie und der absoluten
Staatsallmacht zu krönen. Wo Bismarcks Sterne leuchten,
da muss das belebende und befruchtende Sonnenlicht
der freien Forschung und der Aufklärung erst untergegangen
sein!
Hören wir zunächst, was uns die Zeitungen berichten
. Das Leipziger Tageblatt schreibt: „Nicht geringes
Aufsehen erregt ein Zwischenfall, der sich in der
ersten Sitzung der Commission für die kirchenpolitischen
Vorlagen ereignete. Gegenüber dem Cultusminister, welcher
den Absatz des 1. Artikels der Vorlagen als eine
nothwendige Verstärkung des Jesuitengesetzes erklärte,
äusserte der Abg. Windthorst, es sei ja jetzt Aussicht
auf die Wiederkehr der Jesuiten vorhanden, da eine
„hochstehende Persönlichkeit" den Ausspruch gethan
habe, die Freimaurer seien gefahrlicher, als die Jesuiten.
Wen Herr Windthorst mit der „hochstehenden Persönlichkeit
" gemeint hat, kann nicht zweifelhaft sein, da
erst kürzlich gemeldet wurde, Fürst Bismarck habe
einigen Abgeordneten gegenüber eine ähnliche Aeusse-
rung gethan und hinzugefügt, die Jesuiten bethörten
die Kleinen, die Freimaurer aber die Grossen. Damals
mochte man in weiteren Kreisen dieser Meldung nicht
Glauben schenken, da man ja allgemein weiss und da
äuch Fürst Bismarck wissen muss, dass sowohl der
Kaiser als auch der Kronprinz dem Orden der Freimaurer
angehören. Die Behauptung des Herrn Windt-
Äorst tritt aber so bestimmt auf, dass der frühere Zweifel
Wenigstens sehr erschüttert wird. In der That passen
die Worte, welche der Kronprinz vor einigen Jahren
im Haag in seiner Eigenschaft als Freimaurer gesprochen,
sehr wenig zu dem Eifer, mit dem jetzt das preussische
Ministerium trotz römischer Drohungen und römischer
Anmasslichkeit den Frieden sucht und Zugeständnisse
macht, welche diese Anmasslichkeit noch steigern. Es
wäre also auch nicht eben zu verwundern, wenn Fürst
Bismarck auf die Freimaurer schlecht zu sprechen wäre
und in seiner Erregung zu einer Aeusserung sich hätte
hinreissen lassen, die allerdings in erster Linie gegen
die „Bethörenden" gerichtet gewesen wäre, aber doch
auch eine bedenkliche Spitze gegen Diejenigen richtete,
Welche sich nach der Ansicht des Kanzlers bethören
lässen. Man fragt sich nun, was den Diplomaten der
Hintertreppen bewogen haben mag, das wirkliche oder
angebliche Dictum der „hochstehenden Persönlichkeit"
in" zahlreich besuchter Commissionssitzung zu citiren
und es damit nach oben und nach unten hin als neuen
Funken in das Pulverfass zu werfen. Schwerlich hat
Herr Windthorst lediglich bezweckt, den Freimaurern
Etwas anzuhängen, resp. sie einzuschüchtern, und wenn
Das wirklich sein komischer Nebenzweck gewesen sein
sollte, so hat er doch sicherlich noch einen anderen
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/bauhuette1880/0192