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muthete daher das Eindringen der Nerven in die Zahncanälclien. Die Natur der von Boll zwischen den Odonto-
blasten gesehenen Fäserchen ist immerhin nicht ganz sicher; beim Menschen lassen sich die feinsten marklosen
Nervenfäserchen an Pulpen, welche aus ausgesprengten Zähnen entnommen werden und an welchen die Odonto-
blastenschicht meistens fehlt, weil sie an der inneren Zahnbeinfläche sitzen bleibt, bis nahe an die Oberfläche verfolgen
. Ich bin aber nicht imstande anzugeben, ob die Nerven zivischen die Odontoblasten selbst eindringen. Es scheint
■mir dies deshalb sehr zweifelhaft^, weil es an Groldpräparaten nicht gelingen wollte, Nervenfäden zu sehen, welche
an der von den Odontoblasten entblössten Pulpaoberfläche abgerissen waren. Nach Legros und Magitot (1879)
enden die Nerven in den Zellen unter der Oclontoblastenschicht.»
Ich habe diese Aeusserungen von Ebner's wörtlich angeführt, weil sie ungefähr die Summe unseres bisherigen
Wissens in dieser Hinsicht enthalten.
Selbst habe ich mich seit vielen Jahren vergebens mit dieser Frage beschäftigt. Ich benutzte sowohl die
Chlorgoldmethode als die verschiedenen Macerationsmethoden, kam aber nur zu der Ueberzeugung, dass auf diesem
Wege kaum etwas zu gewinnen war. An Chromsälirepräparaten war diese Frage jedenfalls nicht, wie Boll meinte,
zu lösen; die von ihm gesehenen bis in die Zahncanälchen zusammen mit Zahnfasern aufsteigenden Nervenfäserchen
gehörten vielmehr zu den pia desideria.
Zu denselben negativen Resultaten kam auch Annell, welcher sich auf meiner Veranlassung und unter
meiner Leitung mit der Untersuchung der Zahngewebe und der Zahnnerven eine längere Zeit beschäftigte.
Mit der Methylenblaumethode und der Chromsilbermethode hoffte ich endlich, die Zahnnervenfrage lösen zu
können. Mit der ersten Methode bekam ich keine verwerthbaren Präparate. Und mit der Chromsilbermethode
gelang es mir, trotz vielfacher Versuche, bis jetzt nicht in den Zähnen der Säugethiere eine Nervenfärbung zu bekommen
.
Dagegen ist es mir in diesem Sommer gelungen, bei Eischen und Reptilien sehr schöne Färbungen der Nervenverästelungen
in den Zähnen zu gewinnen.
Sowohl beim Acde wie bei Gobiiis und Gaster osteus erhielt ich Schwarzfärbung der Zahnfasern. Die
besten Präparate bekam ich bei Grobius (junge Individuen von etwa 2—8 Cm. Länge). Alle die betreffenden Präparate
stimmten in der Hauptsache sehr überein; es war ein ganz bestimmter Typus der Nerven Verästelung nachweisbar
. In den Fig. 7 und 8 habe ich zwei Zähne von Grobius abgebildet, welche in Längenansicht wiedergegeben
sind. In beiden steigen vom Nervenplexus (n) in dem unterliegenden Grewebe Nervenfasern empor, welche sich
unter wiederholter clichotomischer Verästelung der Innenfläche des Zahnbeins direct anlegen und in dieser Lage nach
oben hin ziehen; dabei geben sie hier und da feine Seitenäste ab, welche frei endigen. Die oberen Enden der
Fäserchen konnten nicht bis zur obersten Spitze der Zahnpapille verfolgt werden, denn sie endeten immer unter ihr.
Unter den Reptilien konnte ich bei der Eidechse (Lacerta agilis) mehrere interessante Färbungen der Zahnnerven
gewinnen. Hier stiegen indessen die Nerven von Anfang an, wie bei den Säugethieren, in der Mitte der
Papille empor. In der Fig. 9 der Taf. XVII habe ich einen verticalen Längsschnitt eines Eidechsenzahnes abgebildet.
In der Papille oder Pulpa (p) sieht man in dem Blutgefässschlingen führenden Bindegewebe einen schwarzen,
wahrscheinlich aus einigen dicht gedrängten Nervenfasern bestehenden Faden (n) nach oben steigen und allmälig
Aeste abgeben, welche theils nach den Seiten, theils nach oben hin ziehen, in die Oclontoblastenschicht eintreten und
zwischen ihnen in der Regel bis zur Oberfläche der Pulpa gehen, um hier direct unter dem Zahnbein mit freien,
hier und da knotig verdickten Spitzen zu endigen. In der Fig. 10 habe ich von dem Querschnitt eines Zahnes
zwei solche die Odontoblastenschicht (od) radial durchbohrende und die innere Fläche des Zahnbeins (dj erreichende
Nervenfasern (n) abgebildet, welche nach kurzer Verzweigung frei endigen.
Ein Eindringen der Nervenfasern in das Zahnbein war nirgends zu sehen.
Aus den also beschriebenen Thatsachen in Betreff der Endigungsweise der Nervenfasern in den Zähnen der
Fische und Reptilien geht es somit hervor, dass bei diesen Wirbelthierclassen die Nervenfasern bis dicht unter das
Zahnbein, resp. durch die Odontoblastenschicht hindurch hervordringen, um mit freien Enden zu endigen.
Es ist wahrscheinlich, dass dasselbe Verhalten auch bei den Säugethieren vorhanden ist; solange aber keine
sicheren Data vorliegen, ist es jedoch zu früh, Schlüsse in dieser Hinsicht zu ziehen.
1 Von mir cursivirt.
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