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überschreiten, nie durch sie hindurch zusammenhängen, sondern stets aus Seitenarmen bestehen, welche nur je einer
Seitenhälfte des Grauinens angehören.
Die Zahl der Gaumenleistenpaare beim menschlichen Fötus anzugeben, ist infolge ihres grossen Schwankens
und ihrer Unregelmässigkeit kaum möglich. In einzelnen Fällen kann man sie auf ungefähr 4—5 berechnen.
B. Die Verhältnisse beim Erwachsenen.
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(Taf. XLVIII.)
Um eine Eeihe G-aumen erwachsener Menschen genau untersuchen und photographisch abzubilden, kann
man verschiedene Wege einschlagen. Teils, und dies ist wohl das vorteilhafteste und direkteste Verfahren, macht
man sich nach der Entfernung des Unterkiefers menschlicher Leichen und nach Absägen des Oberkiefers Präparate,
die sich dann härten und abbilden, resp. studieren lassen; leider ist es aber schwer, solche Präparate in hinreichender
Anzahl zu bekommen, da es nur ausnahmsweise erlaubt ist, die Leichen in dieser Weise zu verstümmeln. Teils
kann man aber auch Gripsabgüsse von Gaumen lebender Menschen machen und diese Abgüsse studieren und abbilden
lassen. Ich habe beide Wege eingeschlagen. Auf der Taf. XLVIII sind in den Fis:. 10, 11 und 12 drei
Gaumen von Leichen photographisch abgebildet, die ich durch die Grüte meines Freundes und Kollegen Herrn
Professor Erik Müller erhielt. Die übrigen Figuren derselben Tafel (Fig. 1—9) sind photographische Abbildungen
von Gipsabgüssen, welche aus einer grösseren Sammlung solcher Abgüsse ausgewählt sind, die von dem
Hofzahnarzt Dr Elof Förberg und seinem Nachfolger Dr Arthur J. Jessel gemacht und mir gütigst zur
Benutzung gestellt worden sind. Die Fig. 1—9 rühren von Personen im 9. bis 29. Jahre her. Die Fig. 10
stammt von einem 21-jährigen, die Fig. 11 von einem 30-jährigen und Fig. 12 von einem 56-jährigen Manne.
Nur in einem von diesen Fällen (Fig. 12) fehlten die Gaumenleisten vollständig, also bei dem ältesten Individuum.
In allen den übrigen sind sie vorhanden, aber in wechselnder Ausbildung und Anordnung. In allen sind sie auf
die vorderste Partie des Gaumens beschränkt; weit nach vorn hin am stärksten ausgebildet, weiter hinten immer
schwächer. Sie bestehen aus beiderseits verlaufenden, 'der Quere nach angeordneten kurzen, unregelmässig gestalteten,
bald schmäleren, bald dickeren, oft gewundenen, hier und da untereinander vereinigten wallartigen Leisten, welche
in der Mittellinie unterbrochen sind oder auch mit einer hier befindlichen medial verlaufenden Firste zusammenhängen
. Die 'Papilla palatina ist in den einzelnen Fällen mehr oder weniger ausgebildet, bald nur schwach hervortretend
, bald als ovale oder spindelförmige Erhabenheit dicht hinter den mittleren Schneidezähnen sichtbar
(Fig. 4, 7, 10 usw.). Auf eine nähere Beschreibung der einzelnen Fälle einzugehen, lohnt sich kaum, sondern
es ist hinreichend, auf die Figuren hinzuweisen. Aus allem geht hervor, dass in den allermeisten Fällen die
Gaumenleisten auch beim erwachsenen Menschen vorhanden sind, obwohl in verschieden ausgebildetem, aber stets
stark reduziertem Zustande. Offenbar findet sich aber, wie Gegenbaur hervorgehoben hat, eine gewisse Eecluktion
der Leisten von der Fötalzeit, aber in den einzelnen Fällen in sehr wechselndem Grade. Der unregelmässige Typus
bleibt ihnen aber fast immer charakteristisch und typisch. Einen derartigen regelmässigen Fall, wie es der von
Gegenbaue vom erwachsenen Menschen (einem 25 Jahre alten Manne) abgebildete war und den er gewissermassen
als typisch betrachtete, habe ich nie gesehen, und ich zweifle sogar, dass es solche gibt; wenigstens bilden Fälle
dieser Art besondere Ausnahmen und nicht, wie Gegenbatjr sagt, einen »der häufigeren Befunde beim Erwachsenen».
Zu den häufigeren Befunden dieser Art gehören meiner Erfahrung nach solche, die in den Fig. 2, 5, 6, 8, 10 der
Taf. XLVIII von mir abgebildet sind. Da jedoch die Figuren dieser Tafel in der photographischen Reproduktion
nicht so gut ausgefallen sind, wie ich wünschte, habe ich das in Fig. 10 wiedergegebene Präparat auch (172-mal
vergröss.) zeichnen lassen und teile diese Zeichnung, zusammen mit den eben besprochenen Abbildungen Gegen-
baur's, Merkel's, Romiti's und Pauber's hier im Texte in Autotypie mit (s. folg. Seite).
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