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Übersichtliche Zusammenfassung'.
Durch die hier gemachte Darstellung ist eine Übersicht der makroskopischen Morphologie des Gaumens mit
besonderer Berücksichtigung der sog. Gaumenleisten oder Gaumenstaffeln (Gaumenfalten), Bugae oder Plicae palatinae,
bei den einzelnen Ordnungen der Säugetierwelt, von den Monotremen bis auf den Menschen, gegeben. Zwar
fehlen in dieser Darstellung die Eepräsentanten gewisser Gruppen, z. B. der Proboscidier, von denen mir kein
Material zu Gebote stand. Von anderen, z. B. den Cetaceen, hatte ich auch sehr wenig zur Verfügung; auf diesem
Gebiete lagen aber schon z. T. eingehende Untersuchungen vor.
Wenn ich nun meine Befunde kurz durchmustere, lassen sich v. a. folgende hauptsächliche Ergebnisse
zusammenstellen:
1. Bei den Monotremen (Echidna, OrnitJwrhynchus) lassen sich zwar schon Gaumenleisten nachweisen; die
hier vorkommenden Typen sind aber so eigentümlich differenziert und spezialisiert, dass man aus der Beschaffenheit
derselben keine Schlüsse auf den ursprünglichen, phylogenetisch niedrigsten Typus und somit auch nicht auf den Ursprung
dieser Leisten zu ziehen vermag. Unter sich sind auch die Vertreter dieser niedrigsten Säugetierordnung
schon sehr verschieden gestaltet.
2. Bei den Marsupialiem findet sich dagegen ein Typus in der Anordnung des Gaumens und der Gaumenleisten
, welcher, obschon auch spezialisiert und in charakteristischer Weise differenziert, doch einem ursprünglichen und
niedrigen Typus recht nahe stehen kann und wahrscheinlich auch recht nahe steht; nur sind in dem vor den Backzahnreihen
gelegenen Teil des Gaumens, je nach der mehr oder weniger starken Verlängerung dieser Partie, die
Leisten mehr voneinander entfernt und mit grösseren ZwTischenfeldern versehen als im hinteren Teil, welcher einer
ursprünglicheren Anordnung entsprechen dürfte (Macropus, Onychogale, Petrogale); bei anderen, wahrscheinlich ursprünglicheren
Formen (z. B. Bettongia) ist aber auch in dieser Beziehung eine geringere Veränderung in der Anordnung
der Leisten geschehen.
3. Bei den Edentaten findet man teils primitive, teils schon stark differenzierte Leistentypen. So z. B. stellt
Basypas einen primitiven Typus dar. Tatusia, Cychpes und Manis zeigen auch ursprünglichere Formen; bei Bra-
dypus liegt aber eine eigentümliche Differenzierung vor, da sich die Leisten in eine Menge von grösseren und
kleineren Knötchen aufgelöst haben, was auf eine Art Reduktion deutet.
4. Bei den Insektivoren und Ghiropteren steht die Anordnung der Gaumenleisten derjenigen der Marsupialier
im ganzen recht nahe, teilweise sogar auf einem noch primitiveren Standpunkt der phylogenetischen Entwicklung,
wie z. B. bei Erinaceus; obwohl auch in diesen Ordnungen ausgeprägtere spezielle Differenzierungen (z. B. bei
Centetes und Pteropus) vorkommen.
5. Bei den Nagetieren ist ebenfalls der Typus der Anordnung der Leisten ein in mancher Beziehung
primitiver, demjenigen der Marsupialier, der Insektivoren und Chiropteren verwandt, was ja auch mit anderen
Ergebnissen und Auffassungen von ihrer phylogenetischen Entwicklung übereinstimmt, da man die Vertreter
dieser verschiedenen Ordnungen zwar nicht von einander, wohl aber von gemeinsamen primitiveren Vorfahren
ableitet. In der Ordnung der Nagetiere findet man aber zwischen den Eepräsentanten der Simplicidentaten und
der Buplicidentaten einen ausgesprochenen Unterschied in der Anzahl der Leisten, v. a. in der vor den Backzahnreihen
gelegenen Partie. Bei der weitaus überwiegenden, in der Natur reichlicher vertretenen Unterordnung der
Simplicidentaten, die ich im ganzen als eine etwas primitivere, weniger differenzierte Gruppe betrachte, tritt nun die
eigentümliche Spezializierung einzelner Familien auf, dass bei ihnen die Leisten eine rückläufige Ausbildung erfahren
haben, infolge deren sie bald in der vorderen, vor den Backzahnreihen gelegenen, bald in der hinteren,
zwischen diesen Eeihen befindlichen Eegion in ihrer Entwicklung reduziert sind oder sogar fehlen, ja zuweilen
(Cavia, Lagostomus, Coelogenys) im ganzen Gaumen verschwunden sind.
6. Bei den Getaceen ist wrohl die höchste Differenzen der Ausbildung der Gaumenleisten vorhanden, da
dieselben bald (bei den echten Walfischen, z. B. Balaenoptera) bekanntlich die kolossale Entwicklung der Barten
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