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Etwas Ähnliches zeigte sich auch bei den Pinnipediern, wo die Eeduktion, die Bückwärtsbildüng, im Crange
war. Offenbar hängt diese Unregelmässigkeit, dieses Schwanken in der

bildung zusammen und ist ein für sie charakteristisches Zeichen. Dieselben Gesetze walten bei den Pho-
caceen und dem Menschen ob. Wie es sich in dieser Hinsicht bei den Waltieren und den Nagetieren, in welchen^
Ordnungen ja auch eine Eeduktion nachzuweisen ist, verhält, weiss ich nicht, da mir von diesen nur die extremen
Formen näher bekannt sind; man muss gerade die Zwischenformen untersuchen, um die Eeduktionsgesetze ermitteln
zu können.

Was hier oben besprochen worden ist, bezieht sich indessen auf eine Eeduktion in echt phylogenetischer
Hinsicht. Nach der Geburt tritt aber beim Menschen noch eine Altersreduktion der Gaumenleisten bei jedem Individuum
ein. und zwar ziemlich schnell, so dass schon in den Kinderjahren die Leisten in bedeutendem Grade verkümmern
und nur mehr oder weniger ausgeprägte Eeste derselben zurückbleiben. Die Unregelmässigkeit der
Gaumenleisten, ihre wechselnde Beschaffenheit sowohl in Betreff der Anzahl als der Form, Grösse, Eichtung und
Anordnung, bleiben aber auch nach der Geburt und im erwachsenen Zustande als allgemeiner Charakter zurück. Man
findet deshalb, wie auch die Abbildungen auf der Taf. XLVIII zeigen, beim Menschen eine sehr wechselnde Ausbildung
und Anordnung dieser Leisten, und sie können, v. a. in späteren Perioden des Lebens, ^ganz verschwunden
sein, Avas in der Fötalperiode nie der Fall ist. Bei Kindern und Erwachsenen sind sie aber stets auf die vorderste
Partie des Gaumens beschränkt und auch in dieser Partie nach hinten hin immer niedriger und schwächer,
nur andeutungsweise, vertreten.

Diese Gaumenleisten des Menschen sind aber in hohem Grade interessante Rudimente von Bildungen, welche
in der ganzen Klasse der Mammalien als mehr oder weniger ausgebildete morphologische Charaktere vorkommen, ihre
höchste Entwicklung bei Walfischen und Ungulaten erreichen, aber auch in anderen Ordnungen eine nicht unwichtige
Eolle spielen.

11. Was ihre Bedeutung für den Organismus betrifft, hat Gegenbaue schon darauf hingewiesen, dass sie
jedenfalls beim Menschen als rudimentäre Organe kaum von Nutzen sein können, und zwar um so viel weniger,
als ihre höchste Ausbildungsperiode in das Fötalleben fällt, während welcher Zeit sie weder für das Saugen
noch sonst für andere Nahrungsaufgaben nützlich sein können. Für viele niederen Säugetiere können sie dagegen
sowohl zum Festhalten der Brustwarzen als auch ganz besonders zum Festhalten der Nahrung dienen. In dieser
Beziehung ist zu bemerken, dass die Leisten ihre höchste Ausbildung bei den Ungulaten und Waltieren haben;
bei jenen spielen sie sicherlich eine Eolle beim Festhalten des Futters und beim Abbeissen des Grases; bei diesen
dienen sie bekanntlich zum Filtrieren des Wassers. Vielen Tieren, v. a. den Insektivoren, dienen sie beim Fressen
zum Festhalten schlüpfriger Würmer usw.

12. Für die Eruierung der Verwandtschaftsverhältnisse der Tiere können sie sicherlich weit mehr benutzt
werden, als bisher geschehen ist, und ganz besonders für die Systematik innerhalb gewisser Ordnungen und Familien
, wie dies z. T. für die Chiropteren von Kolenati und Bobin, von Tttllbekg für die Nagetiere, von Lönnberg
für die Euminantien versucht worden ist. Eine planmässig fortgesetzte, eingehende und umfassende Arbeit in
dieser Eichtung würde sich für die Systematik der Säugetiere in mancher Hinsicht lohnen. Wenn man bedenkt,
wie viel die Zähne in dieser Beziehung studiert, beschrieben und angewendet worden sind, so ist es recht eigentümlich,
dass die ebenso leicht, schon im frischen Zustande und ohne Präparation zugänglichen morphologischen Charaktere
des Gaumens so verhältnismässig wenig studiert, beschrieben und benutzt worden sind. Und doch sind diese Charaktere
in so vieler Hinsicht typisch und konstant. Hier liegt also meiner Meinung nach ein noch zu wenig berücksichtigtes
und zu wenig bearbeitetes Feld vor.


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