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ist ein überaus heimeliger, stimmungsvoller
Raum. Ihr Hauptschmuck ist die Fensterpartie
. Zwei dreifache Fenstergruppen sind
überdeckt mit flachen Stichbogen, die von
einer reich geschmückten Säule mit korinthischem
Kapitäl getragen werden. Über derselben
vermittelt das in Stein gemeißelte
Wappen Othmars II. den Übergang zum
Mauerbogen. Die Täferung des Zimmers ist
in zwei Etagen mit flachen Rundbogen geteilt
. Die gotische Balkendecke ruht auf
einem Gesimse mit flott geschnitzten Ranken.
Auch der Nachfolger Othmars war Wiler Kind,
der gelehrte Joachim Opser, der von 1577
bis 1594 regierte. Er bereicherte den Hof mit
einem herrlichen Prunkzimmer, das 1580 datiert
ist. Doch wurde die reiche Täferung desselben
in den trüben Zeiten des 19. Jahrhunderts
mit vielen anderen Schätzen aus den besten
Zeiten verschachert; sie kam nach England,,
gelangte aber wieder in die Hände eines
schweizerischen Antiquars und durch diesen
leider nicht an ihren richtigen Platz zurück.
Das heute noch auf diesem Gebiete herrschende
Recht des Stärkeren bestimmte dieselbe zum
Hauptschmuck des zukünftigen Stadt-St.
Gallischen Historischen Museums. Verschiedene
schöne Türen sind dem Hof erhalten geblieben
, die wir zum Teil im Bilde wiedergeben.
Ganz reizend, gerade in seiner schlichten Einfachheit
, ist der Treppenaufgang im III. Stock.
Das achteckige, gotisch profilierte Säulchen
trägt die Jahreszahl 1692. Die im III. Stock
befindliche Hauskapelle des Abtes ist mit einem
Spiegelgewölbe mit reichen Barockstukkaturen
überdeckt. Der früher hoch oben über die
Stadtmauer vorspringende Erker, der den
Chor der Kapelle bildete, ist im Jahre 1860
aus Altersschwäche heruntergestürzt und nicht
mehr ersetzt worden. Das Gebäude enthält
heute im Oberstock das Wiler Ortsmuseum.
Haus Idtensohn
an der Marktgasse
(Blatt 62)
Nicht bloß auf dem „goldenen Boden" der
Umgebung des Hofes allein sind schöne,
eigenartige, den Charakter Alt-Wils trefflich
zeigende Gebäude erhalten geblieben. Auch
die Zufahrtsstraßen weisen solche auf. So
finden wir an der Marktgasse zwei Häuser,
die beide aus einer offenbaren Blüteperiode
Wils und der Ostschweiz überhaupt stammen,
aus dem Ende des 18. Jahrhunderts. Das
Wiler Ortsmuseum besitzt die keck gemalten
Pastellporträts des Richters Gähwiler und
seiner hübschen Frau, die im Jahre 1790 als
begüterte Leute vom nahen Rickenbach nach
Wil zogen und dieses Haus erbauten. Die
Gesamtform des schmalen Hauses ist schlicht
und sachlich. Vor seinem Nachbar zeichnet
es sich aus einmal durch den Dachaufbau mit
der eigenartigen Kombination der stichbogigen
Verdachung und des Giebels darüber. Die
schönste Partie des Hauses aber ist die Arkade
, im Gegensatz zu den vorgenannten Anlagen
am Anker und Baronenhaus in Holz
ausgeführt und in den leichten, zierlichen und
doch der Straffheit nicht entbehrenden Formen
ganz diesem Material ebenso wie dem Zeitgeschmack
angepaßt. Daß die Erbauer
dieses Hauses überhaupt Meister waren in der
Behandlung des Holzes, zeigen auch die Bilder
der Haustüre und der Innentreppe.
Das benachbarte Kienbergerhaus ist etwas
älter. Es stammt aus dem Jahre 1785 und
zeigt in seinen Detailformen noch die Aus-
klänge des Rokoko. Die schöne Haustüre ist
ein besonders sprechendes Zeugnis dafür. Weiter
enthält das Haus eine hübsche Stuckdecke
im Hinterzimmer und einen stattlichen Ofen
in der Guten Stube. Er ist aus Kacheln zusammengesetzt
, die aus verschiedenen Zeiten
zu stammen scheinen. Der untere Teil trägt
die Namen der Brüder Daniel Meyer und
Heinrich Meyer, beide Hafner in Steckbohren
1748, während der obere datiert ist: „1774,
Herr Frantz Leonti Kienberger, hochfürstlich
st. gallischer Rat u. Hofammann zu Wil
u. Frau Anna Kathrina Müllerin," und beider
Wappen enthält.
Arkadenpartie am Hause zum Anker
Wie manche der alten Schweizerstädte, hat
auch Wil seine Lauben oder Arkaden in
der Altstadt bis auf den heutigen Tag erhalten.
Die Säulen derselben sind in den verschiedensten
Materialien und Formen ausgeführt und zeigen
je nach diesen und ihrem Alter mehr oder
weniger die Spuren der Verwitterung und Abnutzung
.
Vielleicht die älteste Arkadenpartie ist diejenige
des Hauses „zum Anker", die mit ihren
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