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kurzen, stämmigen Säulen und den gedrückten
Rundbogen einen ungemein kraftvollen, urwüchsigen
Eindruck macht. Der Erbauer
des anstoßenden Baronenhauses erwies auch
darin seinen guten Geschmack, daß er diese
schlichten Formen aus einer ganz anders denkenden
Zeit zum Vorbilde für seine eigenen
Arkaden nahm. Ganz in ihrer ursprünglichen
biederen Einfachheit erhalten geblieben ist
auch die dahinterliegende Haustür- und Schaufensteranlage
. Besonders charakteristisch ist
die Zweiteilung der Mittelöffnung durch einen
schwachen Pfosten. Die eine Hälfte der Öffnung
dient als Eingang, die andere zusammen
mit dem ungeteilten Bogen daneben als Fenster
und Auslage.
Das Gerichtshaus in Wil
(Blatt 63)
Wenn auch streng genommen weder der Hof,
die Residenz und der Bezirksregierungs-
sitz des Fürstabtes, noch das Gerichtshaus in
den Rahmen des „Bürgerhauses" gehören, so
gehören sie doch so sehr zum Bilde Alt-Wils,
daß wir auch diesem letzteren einen Platz in
unserem Werke einräumen dürfen.' - Auch
dieses Haus ist mit einer Arkade versehen,
deren stämmige Säulen gotisierende Formen
zeigen. Die Vorhalle zum Gerichtssaal, der
sogenannten Herrenstube, ist zwar äußerst
schlicht gehalten, macht aber mit ihrer schön
geschnitzten Säule und dem Kruzifix über
der Saaltüre den Eindruck ernster, feierlicher
Würde. Dem Saal selbst gibt vor allem die
dunkle, kräftig gegliederte Kassettendecke über
dem glatten, weiß getünchten Wandfries seine
Stimmung. Der schöne Prunkschrank in der
Ecke mit der Jahreszahl 1612 war außer der
Decke ursprünglich vielleicht der einzige
Schmuck des Raumes. Es ist zu vermuten,
daß der Schöpfer desselben der „Dischmacher"
Hans Düring von Peterzell im Toggenburg
gewesen sei, der im Jahre 1612 zu einem
Hintersassen und 1613 ins Bürgerrecht aufgenommen
wurde Die anschließende Täferung
von etwas späterem Charakter wurde 1854 beim
Abbruch des alten Rathauses aus diesem herübergenommen
und hierher versetzt. Im Jahre
1637 wurde ein zweiter Tischmacher gleichen
Namens, aber anderer Herkunft, Hans Kaspar
Thörig, samt seiner Ehefrau Kathrina Herzogin
und ihren Kindern ins Bürgerrecht aufgenommen
. Dieser könnte die Täferung erstellt
haben. Ein Beweis für die lange Erhaltung
des gleichen Berufs in derselben Familie
liegt darin, daß ein Nachkomme Hans
Kaspars, der Schreinermeister Dürring zum
Freischütz, im Jahre 1854 die Übertragung der
Täferung vornahm, die ein Werk seines Urahnen
war.
Das Bruder Klausen-Haus
und das Gartenhaus des jetzigen Rathauses
(Blatt 61)
Am alten Wege zum ehrwürdigen St. Peter
steht noch, wohl nicht mehr lange, das
kleine Häuschen, das doch so kräftige, eigenartige
Form bewahrt hat. M. J. Morell, ein reicher
Kaufmann aus Fallenches in Savoyen, erwarb
anno 1782 das Wiler Bürgerrecht unter der
Versicherung, in zwei bis drei Jahren daselbst
ein Haus zu bauen oder zu kaufen und die
Leinwand- oder Baumwollindustrie einzuführen.
Er erwarb mit anderen Liegenschaften auch
das alte Häuschen. Der Sage entsprechend,
nach der Bruder Klaiis auf einer Reise nach
Konstanz einmal hier Herberge genommen
habe, ließ er das jetzt noch vorhandene Freskobild
an die fensterlose Mitte des Hauses malen.
Er erbaute auch das große Doppelhaus an
der Marktgasse, das jetzt als Rathaus dient.
Den rechten Einblick in die Großzügigkeit
seiner Bauten gibt das Bild der Gartenpartie
mit ihren mächtigen Mauern und dem trotzig
abschließenden Hinterhause. (Blatt 64.)
Die Gasthäuser zum Adler und zum
Schöntal
(Blatt 64)
7um Bilde des gastlichen Wil, das den Ver-
kehr in vier Richtungen vermittelte, gehören
auch seine Gasthäuser.
Der Adler, aus der Zeit Abt Bedas, entspricht
in seiner wuchtigen Erscheinung mit
dem hohen, allseitig abgewalmten Mansarddach
ganz den zahlreichen Bauten dieses
Fürsten; man vergleiche damit nur dessen
Landhaus zum Altvater im Feldli (Blatt 36
u. 37). Seiner Zeit entsprechend ladet er mit
schön geschmiedetem Schilde die Gäste zum
Eintritt.
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