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Aussehen der Ortschaften nirgends mehr erhalten
, überall haben Neubauten das malerische
Bild von ehemals verunstaltet. In Brunnen besitzen
wir wohl noch in der Nähe der Kapelle
einige alte Häuser aus dem 18. Jahrhundert,
doch vermögen uns diese stark übertünchten
Gebäude keinen richtigen Begriff der bunten
Abwechslung vorhergehender Bauperioden zu
geben. Den besten Beweis hierfür liefert eine
farbige Zeichnung der Kydschen Sammlung
vom Jahre 1835. Wir ersehen daraus deutlich,
dass die Vorfahren für Holz- und Rieghäuser
gerne Farben verwandten und dass man am
liebsten für jeden Bau auch einen anderen
Anstrich wählte.
Holzhaustypen.
(Tafeln 90—94.)
Wie bereits in der Einleitung ausgeführt
worden ist, geht das schwyzerische Bürgerhaus
zum grossen Teile auf die Bauformen des
bäuerlichen Holzhauses zurück. Es wurde deshalb
versucht, einige noch gut erhaltene typische
Bauformen dieser Gattung unserer Bürgerhaussammlung
beizufügen. Wir können hier freilich
nur wenige Muster bringen, wiewohl die Varianten
sich gerade im Schwyzertalgrunde äusserst
zahlreich vorfinden. Die ursprüngliche Konstruktion
hat sich infolge der fortwährenden
Umbauten nur selten vollständig erhalten. Eine
eingehende Schilderung findet sich bei J. Hun-
ziker, Das Schweizerhaus, Bd. VII, 1913, S. 3off.
Wer sich für das ehemalige Aussehen dieser
Bauernhäuser besonders interessiert, durchgehe
die Kydsche Bildersammlung auf dem Kantonsarchiv
Schwyz und die Prospektensammlung der
Stiftsbibliothek in Einsiedeln. Dort lässt sich in
den meist von Brüdern Schmid gemalten Aquarellen
noch reiche Ausbeute an interessanten
Architekturdetails machen. Neben dem bereits
beschriebenen Bethlehemhause möchten wir besonders
noch das sogenannte Köplihaus im Engi-
berg, an der Strasse von Schwyz nach Steinen, erwähnen
. Die Jahreszahl 1558 am merkwürdigen,
mit einem Holzgitter versehenen Steinbogen,
der die Küche vom Wohnbau trennt, wird wohl
auf das Entstehungsjahr zurückgehen. Eine
alte in Holz geschnittene Inschrift mit dem
Cebergschen Familienwappen, wie eine Abbildung
des ursprünglichen Wohnhauses findet
sich in der Kydschen Sammlung. Der Bau
wurde darnach ursprünglich als Wohnhaus errichtet
und diente erst später als Schützenstand
. Die wertvollen Holzskulpturen an den
Fensterpfosten befinden sich heute in der
Schulerschen Sammlung. Das Pestloch, das wir
noch bisweilen in alten Häusern begegnen und
das in Zeiten der Seuche zur Aufnahme der
Speisen für die isolierten Kranken diente, wurde
erst in neuerer Zeit vermauert. Das Haus
selbst zerfällt in zwei Teile: eine vordere Holzbaute
mit den Wohnräumen und einen festgemauerten
Küchenteil mit ursprünglich wahrscheinlich
bis zum Dache durchgehendem Koch-
raume, wie wir ihn auch noch auf der Grossegg
des Herrn Theiler-Eberle in Morschach begegnen
. An der Ostseite der Mauerfassade
erkennen wir noch die stark verblasste, über-
lebensgross gemalte Figur des Landesfähnrich
Heller in der roten Landestracht. Das heute
Herrn Fischlin - Trütsch gehörende Haus in
Ibach wurde einlässlich im Anzeiger für Schweizerische
Altertumskunde Jg. 1912 beschrieben.
Berühmt ob seiner reichen Holzverkleidung war
das ehemalige Wirtshaus in Steinen. Eine
Pariser Lithographie von Lemercier aus der
Mitte des 19. Jahrhunderts gibt den Bau nach
der Zeichnung eines Zeitgenossen Chapuy wieder.
Interesse verdienen auch die ungezählten kleinen
breitgedrückten Holzhütten in den abgelegenen
Bergtälern, die wohl dem frühesten Bautypus
der Wohnstätten des Schwyzertales am nächsten
stehen. Selbst in ihrer armseligen Einfachheit
entbehren sie nicht eines gewissen ländlichen
Reizes. Manche Bauernhäuser zeichnen sich
durch charakteristische Dachformen aus, wie
z. B. das Haus im hinteren Immenfeld oder
das ehemalige Betschartsche Haus im Tschaibrunnen
, heute Herrn Pfyl gehörend. Dieses
Gebäude gibt uns vielleicht am besten einen
Begriff vom Aussehen eines schwyzerischen
Herrenhauses vor den Verschönerungen durch
die Bauherren des 18. Jahrhunderts. Die Fassade
hat heute leider eine teilweise Schindelverkleidung
erhalten. Selbstverständlich blieben sich
die mehr bäuerischen dekorativen Formen durch
die Jahrhunderte ziemlich gleich. So begegnen
wir im Hause des Wendelin Inderbitzin zu
Ibach und am Pfarrhause im Muotatal einer
Zugladendekoration, die in ähnlicher Ausführung
bereits während zwei Jahrhunderten zur
Anwendung kam.
Interessant ist es auch zu sehen, wie die
einmal gebräuchlichen Holzarchitekturen des
Bauernhauses auch für bedeutende öffentliche
XLV
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