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Bauwerke verwendet wurden. Das Frauenkloster
auf der Au in Steinen, 1587 erbaut,
wie dasjenige im Muotatal vom Jahre 1680 sind
nichts anderes als stark erweiterte Bauernhäuser
mit einer dem Fachwerkbau geschickt ange-
passten Steinkapelle. Das Kloster im Muotatal
hat sein ehemaliges Aussehen so ziemlich beibehalten
. Wir möchten es am liebsten mit
einem erweiterten Herrschaftshause wie z. B.
mit dem Immenfeld vergleichen, nur dass der
Bau dort zur Aufnahme der Zellen eine ausgesprochene
Tiefengliederung annehmen musste.
Die letzten Reste des Klosters in Steinen wurden
dagegen schon 1840 abgetragen. Ein gleichzeitiges
Aquarell im Kantonsarchiv Schwyz zeigt
uns immerhin, wie von sämtlichen Bauten im
Lande diejenige auf der Au wohl am meisten
und am längsten den gotischen Charakter intakt
bewahrt hatte. Türen mit Spitzbogen und Masswerk
, profilierte Fenster in den verschiedensten
Grössen und Anordnungen, geschnitzte Zugläden
u. dgl. mehr haben einst dem Gebäude
jedenfalls einen malerischen Reiz ganz eigener
Art gegeben. Das älteste datierte Bauernhaus der
Innerschweiz dürfte wohl ein Bauernhaus in Gross
bei Einsiedeln sein; es trägt die Jahreszahl 1469.
Ein ähnlicher Tätschhaustypus stellt das Lugaten-
haus in Einsiedeln dar, das ebenfalls aus der Zeit
vor dem Brande von 1577 herstammt.
Zu den Holzhaustypen zählen wir auch die
meist sehr einfachen Stallbauten. Selten schöne
Herrschaftsställe aus dem 18. Jahrhundert befinden
sich in der Sagenmatt und in der unteren
Schmiedgasse, an der Strasse nach Brunnen.
Der schmale weissgetünchte Mittelbau mit dem
geschweiften Giebel trennt die beiden Stallungen,
deren Holzfachwerk auf einer festen, ebenfalls
weiss getünchten Stützmauer aufruht, äusserst
vorteilhaft. Nur in seltenen Fällen wurde dem
Stalle ein eigentlicher Wohnbau angefügt.
Das Bürgerhaus am Vierwaldstättersee.
(Tafeln 95—97-)
Einen zum Teil von dem schwyzerischen
Urtypus verschiedenen Charakter trägt das
spätere Bürgerhaus des 18. Jahrhunderts in den
Seeortschaften Brunnen, Gersau und Küssnacht.
Der Einfluss der luzernischen Nachbarschaft hat
sich hier überall deutlich geltend machen können.
So treffen wir an diesen Stätten z. B. bereits
vereinzelt weitausladende Giebeldächer mit dem
Schutzverschlag, abgeflachte, mehr rechteckige
Dachformen der städtischen Wohnbauten, französische
Mansarden, wie sie auch in Luzern
beliebt waren, und anderes mehr. Finden sich
diese Eigentümlichkeiten in Brunnen nur spärlich
vertreten, so begegnen wir sie desto häufiger
in Gersau und Küssnacht. Für Brunnen führen
wir das 1821 von Major Nikolaus Ignaz Fuchs
erbaute Wohnhaus, heute Herrn Ratsherr Fridolin
Fassbind gehörend, und den ehemals
Niggschen Hof, heute zum Kloster Ingenbohl
gehörend, an. Das letztere Gebäude wurde
1750 von Landammann Carl Dominik Jütz als
Indiennefabrik errichtet und ist in neuerer Zeit
stark verbaut worden. In Gersau befinden sich
wohl die besten Vertreter der luzernischen Bauweise
. Vor allem gibt uns das vornehme Camen-
zindsche Familienhaus einen guten Begriff dieser
mehr städtischen Architektur. 1790 von Landammann
Josef Maria Anton Camenzind erbaut,
blieb das Gebäude bis auf den heutigen Tag
im Besitze der Familie, die den Bau 1911 in
eine Fremdenpension umgewandelt hat. Das
Innere wie das Äussere bestätigen noch heute,
dass der Bau zu herrschaftlicher Benutzung bestimmt
war. Die Räume enthalten eine beträchtliche
Anzahl von alten Familienmöbeln,
über den Türen begegnen wir einer Serie von
reizenden Supraporten, allerorts stellen sich die
Überbleibsel der früheren Zeit ein. Im Äusseren
hat der Bau mit den stark hervorspringenden
Lisenen seinen ursprünglichen Charakter sorgfältig
zu wahren gewusst. Ähnliche Gebäudetypen
, wenn auch in weniger stattlicher Ausführung
finden sich in Küssnacht, wo besonders
eine heute leider infolge von Verbauungen sich
weniger vorteilhaft präsentierende Pavillonbaute
des Bezirksrichters Franz Donauer angenehm
auffällt. Das keck hervorspringende Dach über
der Eingangstreppe unterbricht die schweren
Dachlinien in bisher ungekannter Lösung. Daneben
haben sich noch verschiedene Mansardenbauten
einfachster Ausführung bis auf den
heutigen Tag erhalten. Auch gute alte Schwyzer
Bautradition gehört nicht zu den Ausnahmen,
das Gasthaus zum Hirschen mit dem typischen
Kirchturme im Hintergrund beweist deutlich
genug, dass abhängige Gebiete dem inländischen
Einflüsse sich nie ganz zu entziehen vermochten.
XLVI
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