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Immer sind sie vollständig aus Stein, nie mit
Holzsclmitzwerk verziert. Ganz sparsame
flache Skulptur ziert den Fuss, vielleicht
Wappen und Inschrift noch die Füllung' unter
dem Fenster; sonst ist der Erker unge-
schmückt wie das ganze Haus.
schmuck- Es muss sehr auffallen, dass nicht nur
Ausdruckes damals, als der wirtschaftliche Aufschwung
Empfindens, rasch sich erhob, sondern auch in der ganzen
späteren Zeit der Aufwand für das Gewand
des Hauses gering ist. Denkt man an die Fülle
von Schnitzwerk, von zierlicher Steinhauerarbeit
und Malerei, an die reich ornamentierten
Fensterbrüstungen und Gewände, an
die mit Fratzen und Figuren ausgebildeten
Konsolen, in denen ein frei und wohlmögend
gewordenes Bürgertum in anderen, besonders
nordischen, Städten seinen Wohlstand
zur Schau trug, so kann Chur daneben karg,
streng und puritanisch scheinen. In den
Zünften pflegte sich sonst zu zeigen, dass
Fleiss in Handel und Handwerk goldene
Früchte trug. Was aber in ihren Häusern
hier nach dem zweiten Brand entstand, war
würdig, jedoch nicht prächtig, und vorher
kann es nach den Berichten kaum mehr
gewesen sein. Häufte sich auch nicht Reichtum
, so gab es doch Wohlstand. Denkt
man an die Züge von Lasttieren und Wagen,
die vom oberen zum unteren Tor gingen,
so weiss man, dass hier nicht nur Säumerschellen
klangen, sondern auch Dukaten.
Die Schmiedezunft säckelte den Ertrag der
„Porterey," in den Tavernen Hessen die in
den Nöten des Gebirges nach Wohlleben
und besetztem Tisch ausgehungerten Leute
mehr aufgehen als Lebensnotdurft forderte,
in den Schreibstuben schloss man nicht nur
Verträge, man zog die Wechsel und Hess
Gebühren springen, die Rebleute handelten
den Ertrag ihrer Halden und die Bäcker
Mehl und weisses Brot. Welche Schatzkammern
allein die Gewölbe der Kornhändler
waren, zeigt Eglis beredter Brief über
den Brand von 1574. Und im Gefolge des
Handelstrosses kam doch auch die Kenntnis
von fremdem Luxus, von neuen, so seltsamen
wie leckeren Dingen, die in üppigeren Ländern
wuchsen, von gewählten Bequemlichkeiten
und anspruchsvollen Gelüsten. Wenn
trotzdem bei gutem Erwerb der Schmuck
des Lebens hier wenig galt, so kam dies
nicht daher, dass man ihn sich nicht leisten
konnte, sondern dass man, anders als auf
der anderen Seite der Berge, in Plurs, als
Wert ihn nicht bewertete. Was etwas galt,
dafür war auch Geld immer da. Für Auskäufe
von Rechten und Freiheiten etwa
schienen die Opfer nie zu gross. Aber es
zeigte sich hier eben deutlich diese ganz
besondere Konstellation im Empfinden des
Bündners: die Einfachheit, ja Enge in Dingen
des eigenen Lebens, bei Weltklugheit und
grossen Plänen nach aussen. Da Volk und
Kräfte klein, war man gewohnt, nahe aneinander
zu rücken und wenig Raum in der
Welt einzunehmen, unauffällig zu sein, um
des Gegners Aufmerksamkeit nicht zu reizen.
Denn von dem Unscheinbaren versieht man
sich keiner überraschenden Tat. Wie die
Venetianer Bündner, auch wenn sie längst
zu Hause zu stattlichem Wohlstand gekommen
waren, inmitten des Glanzes der Lagunen
im selbstgewebten grauen Lodentuch
sich gerne übersehen Hessen, so war es überall
. Lebenskräfte nicht in Luxus fliessen
lassen, um im Grossen stark zu sein, den
täglichen Rahmen eng ziehen, um die Spannung
für das Ausserordentliche zu halten,
war damals das dunkle Empfinden des
Volkes. Dieser karge Sinn war keine Frucht
der Reformation, aber die neue Lehre fand
hier einen strengen Geist, dem sie Bestätigung
war.
Die bescheidene Schönheit des gotischen
Chur lag daher allein im Reiz der Einheit
Die
Einheitlichkeit
des
Eine Harmonie von grauen Tönungen schloss stmssenbudes.
aUe Bauten zu einer homogenen Gruppe
zusammen: das Stahlgrau der Schindeln
stand weich zu dem helleren Grau des Rauhputzes
und war belebt von den dunkleren
Steingurten und Fenstergewänden. Die Einheit
des Materials verbürgte die Einheit des
Eindrucks. Backstein bezog man nicht, man
baute aus den heimischen Brüchen und war
daher auf Verputz angewiesen. Auch Dachziegeln
bürgerten sich nur langsam ein.
Sebastian Münster berichtet noch (1556):
„Man mag umb die statt kein subtilen leimen
(Lehm) zu den zieglen dienstlich finden,
darum werden die tächer so unflätig mit
grossen schindlen und steinen gedeckt." Wie
aus Eglis Brief über den zweiten Stadtbrand
(1574) hervorgeht, hatte zwar die Stadt unterdessen
schon eine Ziegelhütte eingerichtet,
aber die Verwendung der billigeren Schin-
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