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dein war doch noch ziemlich allgemein geblieben
. Und da man im Gefälle der Dächer,
in der Stockwerkzahl, im Grundriss des
Hauses überhaupt traditionellen Prinzipien
folgte, da überhaupt der Sinn, sich anzupassen
, noch frisch war, so entstand jene
innere Harmonie des Gassenbildes, die auch
im heutigen Chur aus dieser Zeit noch
durchscheint. Die Fassade war damals noch
vollkommener Ausdruck des Hausinneren.
Die Durchbrüche, jene in ihrer Asymmetrie
so weich und zwangslos in der Fläche sitzenden
Reihen- und Einzelfenster, waren von
innen her nach dem Bedürfnis des Wohnzweckes
angeordnet. Die Verteilung der
Räume aber beruhte wieder auf übereinstimmenden
Erfahrungen, und so ergab die
äussere Gliederung, regellos scheinend am
Einzelbau, im Bild der ganzen Gasse gesehen
einen einheitlichen Rhythmus.
Inneneinteilung Die Grundform dieser Raumeinteilung
gotischen stellt sich gut in dem Haiis Ragatzer (jetzt
Hauses. Coaz-Wassali) in der Reichsgasse dar (Tafel
9): Im Erdgeschoss liegen keine Wohnräume,
nur der Laden, das Kontor oder die Werkstatt
und dahinter die Lagerräume. Gewöhnlich
ist der Korridor geräumig, gewölbt und
mit Kopfstein gepflastert, so dass man in den
Hof und zu den Ställen durchfahren kann.
Die Treppe, meist in Wendelform, mündet
auf den Vorplatz, aus dem man Stube und
Nebenstube betritt, die auf die Strasse sehen.
Aus diesem Vorplatz ist die Küche ausgespart
, so ausgespart, wie einmal in aller-
früliester Zeit die Stuben aus dem Einheitsraum
, der Wohn-, Schlaf- und Kochstätte
zugleich war, herausgelöst wurden. Diese
Raumgruppe ist der Kern. Nach den Seiten
konnte sich das städtische Haus nicht wohl
dehnen. Der Platz an der Strasse, von der
möglichst viele ihr Stück haben wollen, ist
karg zugemessen. Was vermehrte Bedürfnisse
an Raumentwicklung forderten, (oder wenn
bei Doppelwohnhäusern die Schlafzimmer
auf der gleichen Etage unterzubringen waren)
das musste deshalb in den Hof hinausgebaut
werden. So entstanden diese Hintertrakte,
die in früherer gotischer Zeit wohl auch in
Chur meist durch offene Lauben mit dem
Vorderhaus verbunden waren. Im Brandishaus
(Scandolera) sind vermauerte Bogen
noch deutlich erkennbar und im „Raben"
deutet eine später zugefügte leichte Riegelwand
auf ähnliches hin. Die Schneiderzunft
endlich bietet eine solche vielleicht auf altem
Grundriss fortgebildete Anlage noch ziemlich
rein. Diese Laube zieht sich mit dem Wandel
der Zeiten immer weiter ins Haus-Innere
zurück, Wohnräume legen sich zu ihren
beiden Seiten an, und so entsteht der Korri- Entwicklung
dor. Die reine Wendeltreppe muss ihrer der Treppe-
Natur nach einen eigenen Raum neben dem
Vorplatz oder am Ende eines Ganges, auf
ihn ausmündend, bilden, da sie kontinuierlich
um eine Spindel läuft. Der Hinaufsteigende
geht am Vorplatzraum vorbei, ohne ihn zu
betreten. Später dann mündet ein gewundener
Lauf auf den Gang, wie es das Haus
Walser im Welschdörfli zeigt, die Treppe
rückt immer mehr beherrschend in seine
Mitte, allmählich bildet sich bei noch gekrümmtem
Lauf (Haus zur Linde) ein Podest
heraus, der dann immer weiteren Raum
verlangt und die Läufe gerade streckt.
So setzt sich leicht und selbstverständlich
diese italienisch nuancierte, bequem
ansteigende, sauber und klar in Stufen und
Podest geteilte Treppe durch, die unter
romanischem Einfluss schon frühzeitig allgemein
aus Stein gefügt wird.
Das war, schon über gotische Zeit weit
hinausgreifend, vorwegnehmend zu bemerken
. Ängstlich an stilperiodische Einteilungen
sich zu halten, wäre überhaupt in
Chur besonders künstlich. Kaum irgendwo
ist hier ein Grundriss in der oben beschriebenen
reinen Typik sichtbar. Vielmehr liegt
der Reiz dieser aneinandergewachsenen, ineinandergeschobenen
, nach Bedarf erweiterten
und gestreckten Raumkonglomerate
wie beim Grundriss der Stadt darin, dass
sie Leben ausdrücken, biographisch sind.
Geschichte sind sie der Familien, ihrer Ausbreitung
und ihres wachsenden Wohlstandes,
der Werktätigkeit und der bescheiden verschönten
Müsse.
Das Zentrum des häuslichen Lebens ist Die gotische
die Stube. Sie hat für den Eintretenden
eine wohltuende Überraschung bereit. Dämmerig
ist die Strasse, verdunkelt Gang und
Treppe, hier ist aber auf einmal eine ganz
in Licht aufgelöste Wand. Die zwar renais-
sancemässig ausgestattete, aber in der Anlage
gotische Stube der Planaterra hatte
(im ungeteilten Zustand) in der Mitte den
Erker, direkt daran anschliessend aber zwei
Stube.
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