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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/das_buergerhaus_14_1924/0018
Reihenfenster von je drei Gliedern. Um
Fenster und Erker zu einer einzigen Mauerdurchbrechung
zu vereinigen, wird die Last
der Mauer durch zwei im Innenraum freistellende
, den Erker flankierende Säulen getragen
. Das begierig hereinstürzende Licht
nun schlägt über die Rahmen der Fenster
hinweg, überstrahlt die Gewände und die
Stützsänlen, löst die Konturen auf und macht
aus dem ganzen Fenster- und Erkerarrangement
eine einzige bewegte und von keinem
harten Rahmen mehr gefasste Helligkeit.
Wo kein Erker das Licht ansaugen kann,
da begnügt man sich mit den drei- und
viergliedrig gereihten Fenstern, deren Starz
mit einer Innensäule gestützt ist (Tafel 11).
Bis weit ins 16. Jahrhundert hinein wurden
noch die Decken in einem nur leicht angespannten
Bogen gewölbt. Die tragenden
Balken ragen dabei in den Raum hinein,
manchmal im Schnitt nur einfach segment-
förmig wie im Pestalozzahaus (jetzt Simmen
& Danuser), meist aber geschmückt: bescheiden
mit flachgeschnittenen Kleeblattmotiven
und bemalten Scheiben wie in der
Chorherrentrinkstube, reicher mit Lilienmuster
, Fasen und Kehlungen im Brandis-
schen Haus und anderen. Dies sind die
Ahnen solcher Spätlinge, wie wir sie, ins
romanische Gebiet versprengt, in der Stube
in Brail im oberen Engadin zu sehen bekamen
. Grösserer Aufwand ist auch hier
selten, eine richtige Freude am Holzwerk
noch kaum zu spüren. Das reichste Stück
ist nicht ein Zeichen bürgerlichen Wohlstandes
, sondern kirchlicher Macht: die
Stube im Antistitium (Tafel 6). Von Abt
Johannes VI. wurde dies Haus als Hof von
Disentis gebaut, deren das Kloster so viele
hatte, dass ihr Abt, wie die Rede ging, nach
jeder Tagreise auf eigenem Boden nächtigen
konnte, so er ins Reich oder nach Rom
reiste. Hier ist mit reichen Lilien mustern,
mit Blatt- und Blütenrosetten am Gebälk,
mit Maßwerk in Fischblasenornamentik,
das in reicher Schichtung tief in die Wand
geht, eine Ausstattung geschaffen, die den
Wohlstand der Abtei den Gästen, die hier
zur Herberge kamen, eindrucksvoll zeigen
konnte. Zu diesen Gästen soll auch Luther
gehört haben, als er auf seiner entscheidenden
Romreise in Chur rastete.

An Reichtum der Profilierung von Vertikalstäben
und Maßwerk stehen diesem
Räume nahe die Stuben im unteren Spaniöl
und im Brandis-Haus: diese bringt als
Supraporte noch ein merkwürdiges Strickmuster
, das mit starkem Bogen reizvoll die
zierlich gebogenen Fischblasen fasst. Auch
diese Arbeit entstand in geistlichem Bereich;
denn sie trägt das Wappen Ortliebs von
Brandis und den bischöflichen Steinbock
(Tafel 10 und 18).

All dies steht am Rand einer Epoche, Übergänge.
wo sich die Zeiten mischen. Und weil in
diesem Volk alles, das einmal erprobt und
liebgewonnen war, treu gehalten wurde,
anderseits aber der Durchzug, die Reisen
und Dienste in fremden Ländern doch wieder
Berührungen und Verknüpfungen schufen,
so entstanden hier auch wieder diese Randüberstrahlungen
, die Mischungen, das Hin-
und Widerspiel zwischen Neuem und Altem,
das noch besonders dadurch bereichert
wurde, dass zu allen Zeiten das Ausschwingen
zwischen romanischer Tradition und
eindringenden germanischen Tendenzen niemals
zur Ruhe kam. Eine Bildhauerarbeit
wie die Türe im Raben und das Portal am
Menhardtschen Hause (Tafel 12) ist gleichnishaft
. Dort sitzt im Scheitel eines gotischen
Eselsrückens das ganz renaissancemässig
stilisierte Wappen mit dem Tscharnerschen
Greif, und hier werden noch nahe dem
Ausgang des 16. Jahrhunderts die von
den Rippen des gotischen Spitzbogens gebildeten
Zwickel mit Blattmustern gefüllt
im Geschmack der neuen Zeit. Ausgleiche,
Kreuzungen, unpedantisches Aneinander-
wachsen ist hier die Signatur. Zu den
gotischen Decken gesellen sich Stützsäulen
mit Akanthusskulptur, an den Fenstergewänden
nehmen Blattschnecken die Stelle
der Pyramidenschnitte der vergangenen
Epoche ein, im Renaissancegewand wird
noch lange die gotische Einteilung der
Fensterwand festgehalten. Das sind nur einzelne
Marken dieser gegenseitig einspringenden
Grenzen zweier Zeiten, und hätte
der Stadtbrand von 1574 nicht so gewaltsam
reinen Tisch gemacht, wäre dieser Aus-
einandersetzungsprozess sicher noch viel
länger pendent geblieben.

Ein Innenraum ist es, der hier entschlossen Renaissance:
die neue Zeit einleitet (Tafel 13 und 16).
An Reichtum der Ausführung und Finesse

XVI


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