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Deckenfries in die Stube des I. Stockes der „Krone" in Grüsen.
DAS BÜRGERHAUS
IM KANTON GRAUBÜNDEN.
Nördliche Talschaften B.
Oberland und Lugnez.
UNSER Interesse an der bürgerlichen Bau-
Das Bärgerhaus
als Abbild des
Lebens. ^ weise eines Landes bewegt sich nicht nur
in der Sphäre des Ästhetischen und erschöpft
sich nicht in dem Hantieren mit Formen,
sondern ist in einer tieferen menschlichen
Anteilnahme begründet. Denn in diesem baulichen
Erbgut abgeschiedener Jahrhunderte
besitzen wir einen Abdruck des Lebens, ein
Abbild des Wollens und des Handelns des
Menschen und der menschlichen Gemeinschaften
. Wie sich Bauernschaften siedeln, ob
sie — wie die romanischen — sich eng zusammenballen
oder — wie die germanischen
— auf den Feldern zerstreuen, ob das Haus
sich nach Sonne und Wind oder nach dem
Verhältnis zum Nachbarn richtet, wo die
Städte sich setzen und wie ihre Strassen sich
gestalten, wie die einzelnen Räume des Hauses
sich gruppieren, welches Material gewählt
und welche Bauformen gefunden werden, das
ist immer, wie wir im Verlaufe dieser Betrachtungen
schon des öfteren sahen, nur
die bleibende Erscheinung von Strömungen,
Kräften, Empfindungen und menschlichen
Aufgaben.
Wir haben im Engadiner Haus und seiner
gewaltigen Massen Wirkung den reinsten Ausdruck
der starken und gesunden Vitalität des
rätischen Volkes gefunden, eines Lebens-
bewusstseins, das sich politisch und geschichtlich
in einem ursprünglichen Abscheu gegen
jedes Joch, in einem unbändigen Freiheitsund
Unabhängigkeitsdrang ausgesprochen
hatte. Diese Ablehnung jeder Untertänigkeit
ist abernurdann mehrwie eine rebellische
Gebärde, wenn sie sich mit dem Willen
vereint, die Aufgabe der Staatsbildung selbst
auf die Schultern des Volkes zu nehmen, wenn
das Durchdrungensein von der freien Würde
des Menschen zur staatsschöpferischen Kraft
wird. Dies hat der rätische Bund wahr gemacht
.
Nun waren es allerdings nicht die rätischen
Berge, in denen der erste Keim eines unabhängigen
Volksstaates aufging. Aber was in
den Waldstätten geschehen war, das fand in
den Bünden nicht nur eine Nachbildung,
sondern eine selbständige, aus den eigenen
Nöten und aus der eigenen Art geborene Gestalt
. Die geschichtliche Sendung des „Oberlandes
", des Vorderrheintales, aber war es,
den aus dem innerschweizerischen Land herübergewehten
Samen in fruchtbarem Boden
aufzunehmen.
Die Karte zeigt, wie sehr es dazu berufen pie geschieht-
war. Hier war die Türe Rätiens zum Rütli.
des Oberlandes.
Der alte Weg über den Oberalppass verknüpfte
die Bünde mit dem Gebiet der drei
alten Orte. Mehr noch. An dem bedeutungsvollen
Punkt, wo sich von der Lukmanier-
strasse der Zugang zur Oberalp abgabelt, sass
das mächtige Gotteshaus Disentis. Und es war
wie anderwärts: die geistliche Macht reichte
über die natürlichen Grenzen und verklam-
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