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Raffael, Selbstporträt.
Florenz, Uffizien. — Auf Holz, h. 0.46, br. o.33
Ratfaels Julius (Tf. 25) verdient in der That den
Namen eines Historienbildes. Wie der Papst dasitzt
, mit festgeschlossenem Mund, den Kopf etwas
geneigt, im Moment des Uberlegens, so ist er nicht
das zur Aufnahme zurechtgesetzte Modell, das ist
vielmehr ein Stück Geschichte, der Papst in einer
typischen Situation. Und nun beachte man wohl:
die Augen blicken den Beschauer nicht an. Die
Höhlen sind beschattet. Dafür kommt mächtig hervor
die felsenmässige Stirn und die starke Nase,
Hauptträger des Ausdrucks, auf denen ein gleich-
mässiges hohes Licht liegt. Das sind die Accen-
tuierungen des 16. Jahrhunderts.
Bei Leo (Tf. 73) lag das Problem anders. Der
Papst hatte ein dickes fettüberwuchertes Gesicht. Man
musste mit dem Reiz der
Lichtbewegung versuchen,
über die wüsten gelblichen
Flächen hinwegzukommen
und das Geistige in dem
Kopfe aufleuchten zu machen
, die Feinheit in den
Nasenflügeln und den Witz
in dem sinnlichen beredten
Munde. Es ist merkwürdig,
wie das blöde kurzsichtige
Auge Kraft bekommen hat,
ohne seine Natur zu verändern
. Der Papst ist dargestellt
, wie er einen Codex
mit Miniaturen ansieht und
nun plötzlich aufblickt. Es
liegt in der Art des Blickens
etwas, was den Herrscher
charakterisiert, besser als
wenn er sich thronend mit
der Tiara hätte abbilden
lassen. Die Art, wie die
Hände gegeben sind, möchte
noch individueller sein
als bei Julius. Die Begleitfiguren
, an sich sehr bedeutend
behandelt, dienen
hier doch nur zur Folie
und sind in jeder Beziehung
der Hauptwirkung unter-
than.
Ein interessantes Gegenstück
hat man in dem
(etwas früher entstandenen)
Kardinal Inghirami (Tf.
90). Ein dicker Philologe
, durch ein schielendes
Auge entstellt. Raffael giebt
hier das fette Gesicht in
vollem Licht und getraut sich, den Naturfehler in
aller Stärke in sein Bild aufzunehmen, indem er
das Unangenehme durch den Ernst des geistigen
Ausdrucks überbietet. Ein gleichgiltiges Blicken
wäre hier unerträglich, vor dem Bilde geistiger
Spannung dieses aufwärtsblickenden Gelehrtenkopfes
kommt der Beschauer bald auf andere Gedanken.
Das Bild des vollkommenen Mannes giebt dann
der Castiglione (Tf. 65), dem Leoporträt zeitlich
nahestehend und verwandt in der Vollkommenheit der
malerischen Durchführung. Es ist ganz einfach gehalten
, aber die kleine Neigung des Kopfes und das
Ineinanderlegen der Hände sprechen unendlich persönlich
an. Der Mann sieht aus dem Bilde heraus,
mit ruhigem seelenvollen Blick, wTie man ihn im
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