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William Morris.
EIN Künstler, ein Handwerker, ein Fabrikant, ein
Dichter, ein Redner, ein Volksmann, das alles
war William Morris. Als er im Herbst 1896
starb, erst 62 Jahre alt, da waren die Besten seines
Landes einig, dass England einen seiner grossen
Männer verloren habe. Es war ein Schlag besonders
für die vielen, die unter seiner Führung an der
Hebung der dekorativen Künste gearbeitet hatten;
als die Trauerkunde kam, waren sie just zur Eröffnung
einer Arts and Crafts Exhibition versammelt,
der fünften jener bahnbrechenden Ausstellungen
modernen Kunsthandwerks, deren Leben und Seele
William Morris gewesen war; man konnte es kaum
fassen, dass dieser rastlose Geist nun stillstehe.
Auch wir Deutschen haben guten Grund, das Bild
des Mannes festzuhalten, der das heutige englische
Kunstgewerbe geschaffen und damit die frische Bewegung
in den zierenden Künsten eingeleitet hat.
Niemand hat die Not und die Hoffnungen der dekorativen
Kunst unserer Zeit in That und Wort
tiefer erfasst.
Wer als Fremder die glückliche Gelegenheit
hatte, ihn in seinem Hause zu Hammersmith an
der Themse aufzusuchen, den Mann, der, aus begütertem
Hause geboren, eine der ersten Dekorationsfirmen
von London und Werkstätten verschiedenster
Art besass, der in eigener Druckerei die kostspieligsten
Bücher unserer Tage herstellte, — der
konnte wohl glauben, einen Geschäftsmann von
strengen Formen und elegantem Aeusseren zu finden.
Nichts von alledem. Der Kopf eines Dichters, unter
welligem Haar, mit lockerem Vollbart; die kräftige
Gestalt im bequemen Wollhemd und anspruchslosen
Arbeitsrock; der rüstige Mann am schlichten Zeichentisch
, auch während des Gespräches unermüdlich
thätig beim Entwerfen und Ausmalen. Dabei in
jedem Worte der klare und feurige Geist; nichts gewöhnlich
und nichts gesucht.
Er hasste das, was wir moderne Zivilisation
nennen. In Wald und Flur erwachsen, von Walter
Scotts Romantik genährt, hatte er als Oxforder
Student, am gleichen Tage mit Burne-Jones immatrikuliert
, die hinreissende Macht Dante Gabriel
Rossetti's an sich erfahren: ein Gemälde dieses Malerpoeten
hatte ihn und seinen Freund bestimmt, zur
Kunst überzugehen. An den Bildern der Prä-
raffaeliten zogen ihn die Naturliebe, die epische
Tendenz und die dekorative Gesinnung an; auch
seine Welt war die des Mittelalters, der Sänge und
der Sagen. Er schloss seine Studien auf der Universität
und trat zu einem Architekten, dem Gothiker
Street, in die Lehre, durch den er die Baukunst
als die Mutter aller Künste ansehen lernte. Was
seiner Zeit am meisten fehlte, sah er hier, waren
Können und Gesinnung im Handwerk; überrannt
von der Industrie, der Maschine und dem Konkurrenzkampf
, war die Kunst in den technischen Gewerben
zum Spielball der Mode geworden. Mit Rossetti,
Ford Madox Brown, Burne-Jones und dem Architekten
Philip Webb als Künstlern schloss Morris
eine Genossenschaft für Innendekoration, die alle
beim Schmuck des Hauses beteiligten Handwerke
in ihren Kreis ziehen wollte. Die Firma Morris,
Marshall, Faulkner & Co., die sich hieraus gestaltete,
errang schon 1862 auf der zweiten Londoner Weltausstellung
mit gothisierenden Möbeln eine Auszeichnung
. Das South Kensington Museum hatte den
Mut, der jungen Firma in den Jahren 1866 und 1867
die Ausschmückung des Dining-room der Restauration
zu übertragen, eines Saales, der in seiner
vornehmen Ruhe noch heute die bunte Eklektik
der übrigen Räume zu Schanden macht. Das
hauptsächliche und früheste Arbeitsgebiet der Firma
waren die Glasfenster; die grossen Maler gaben die
Zeichnungen, William Morris wählte die Farben
und Gläser und überwachte die Ausführung.
Nach und nach zog er weitere und immer
weitere Gebiete in den Kreis seiner Thätigkeit,
Fliesen, Tapeten, Zeugdruck, Weberei, Knüpferei
und Wirkerei. Er allein lieferte alle Muster, nur
im Figürlichen von seinen grossen Freunden unterstützt.
Je nach Bedarf richtete er eigene Werkstätten ein
oder Hess die ersten Häuser unter seiner besonderen
Aufsicht für sich arbeiten. Seine Tapeten druckte die
treffliche Firma Jeffrey & Co.; Fliesen arbeitete er
mit de Morgan; Zeugdrucke lieferte ihm Wardle in
Leek. Wo es aber galt, eine verlorene oder verkommene
Technik gänzlich neu zu beleben, da legte
er selber Hand ans Werk. Er suchte sich die alten
handwerklichen Hilfsmittel und Werkzeuge zusammen
, die Webestühle, die Färberrezepte u. a.; das
erste Probestück jeder Technik stellte er eigenhändig
her. Als er die Gobelinwirkerei aufnahm, schlug er
den Stuhl in seinem Schlafzimmer auf und wirkte
täglich vor seiner Tagesarbeit; als es ihm galt, die
Schönheiten der pflanzlichen Farben, die ja über
den modernen Anilinfarben fast vergessen worden
waren, wieder zur Geltung zu bringen, da hat er
tagelang mit aufgestreiften Aermeln, die kurze Pfeife
im Munde, an den Trögen gestanden, und ein Freund
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