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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/das_museum_02/0042
erzählte das lustige Wortspiel, wie ein Besucher eines
Tages in der Werkstatt nach dem Meister gefragt
und dieser hinter den Färberbottichen mit der Stimme
eines Sterbenden herausgerufen habe: I am dyeing,
I am dyeing, I am dyeing.

Die eigenen Werkstätten der Firma Morris & Co.,
die seit 1874 ihm allein gehörten, waren 1881 aus
der Stadt heraus in das anmutige Dorf Merton Abbey
verlegt worden. Ein niedriges, ländlich angelegtes
Gebäude zwischen grünenden Wiesen am Ufer eines
lieblichen Flusses, der das zum Färben geeignete
Wasser hergab; keine Dampfmaschine und kein Grossbetrieb
, sondern in jeder Abteilung nur eine bescheidene
Zahl von Arbeitern; einige Handwebestühle
für Seiden- und Wollstoffe, ein Raum für
Zeugdruck, Stühle für Teppichknüpferei und Gobelinwirkerei
, die Färberstuben und das Atelier für
Glasmalerei. Ein künstlerisch und technisch vollkommenes
Kunstwerk, meinte Morris, kann nur entstehen
, wenn nach alter Handwerksweise der Ausführende
Verständnis für seine Arbeit und Freude
an seinem Tagewerk hat: beide ersticken im Lärm
der Maschinen, in der Hast der Grossfabrik und im
Qualm der Städte. Wer einen Blick in diese Werkstätten
hat werfen können, hat den Eindruck mitgenommen
, dass hier allerdings für die Kunst im
Handwerk eine ideale Stätte geschaffen war; alles
atmete Gesundheit und Schaffenslust. Ich erinnere
mich besonders, mit welch innerer Begeisterung ein
blühender, junger Arbeiter die technischen Feinheiten
eines eben vollendeten Glasgemäldes zu erläutern
wusste; ein Bild mittelalterlicher Arbeitsfreudigkeit,
die leider heute so oft dem verdrossenen Zwangsgefühl
gewichen ist.

Was allen diesen Kunstwerken seines Ateliers
die Einheit gab, war William Morris' künstlerische
Persönlichkeit. Wie er die alten Werkzeuge und
Fertigkeiten hervorsuchte und benutzte, so wTusste
er auch die Kunst der Vorzeit, die alten Zierweisen,
neu zu beleben und die Grundsätze der alten Meister
auf die heutigen Aufgaben anzuwenden. Nur echte
Stoffe, nach ihren besten Eigenschaften entwickelt;
nur ehrliche Arbeit ohne moderne Virtuosität und
Routine; nur sinngemässe Formen, wohl hie und
da an die Alten sich anlehnend, aber mit eigenem
Künstlergeist durchdrungen. Der glühende Freund
mittelalterlicher Poesie und mittelalterlichen Lebens
fand Anlass genug, auch bei der eigenen Arbeit
an die Art des Mittelalters anzuknüpfen. Als er
die Gobelintechnik aufgriff, da nahm er sich nicht
die raffinierte Bildwirkung zum Muster, welche die
Pariser Ateliers seit Ludwig XIV. unter dem Ein-
fluss der Maler ausgeklügelt hatten, sondern die
markige, breite Flächengebung, die an den flandrischen
Arbeiten des 15. und 16. Jahrhunderts in

Laub und Landschaft, Ornamenten und Figuren
anmutet. Und doch ist auf diesen köstlichen Stücken
alles Beiwerk belebt; dicht gedrängte Blumen
spriessen im Vordergrunde, Wiese und Wald
wuchern in den Hintergründen; nirgends eine
Leere, nirgends Unfertiges oder nur Begonnenes,
nirgends Experimente, überall sichere Einheit von
Kunst und Handwerk, so gut wie in irgend einer
Arbeit der Alten. Auch in seinen Glasfenstern
suchte er die kräftige, durch Flächen wirkende Art
des Mittelalters; Farbe und Erfindung waren hier
die Hauptmittel, indes die feinere Zeichnung
ihm wirkungslos und daher zu verwerfen schien.
Seine Fussteppiche zeigen, wie eingehend er die
Werke der Perser studiert hat, ihre Zeichnung,
ihre Flächenkunst, ihre Farben. Aber auf keinem
Gebiet begnügte er sich, die alten Muster wörtlich
zu kopieren.

Denn dieser eindringende Verehrer alter Kunst
war einer der ersten, die dem heutigen Ornament
neuen Inhalt gaben. Was er in der Natur, in der
er aufgewachsen war, und in den Gärten seines
stillen Landsitzes Keimscott Manor liebgewonnen
hatte, die heimische Blumenwelt, Baum und Blüte,
Knospe und Frucht, das wagte er frischen Mutes
in seine Muster einzuführen. Er ist neben seinem
Freunde Walter Grane der erste gewesen, der Tapeten
und Druckmuster ganz aus modern empfundenem
Pflanzenwerk gestaltet hat. Die Tapete, führte er
aus, darf sich nicht begnügen, die Zeichnung der alten
Seidenstoffe nachzuahmen, ja sie führt ins Surrogat,
wenn sie sich nicht als Papier, sondern als ein
täuschend imitiertes Gewebe giebt. Daher ist gerade
sie das rechte Versuchsgebiet für ein modernes Flachmuster
, ein Feld für die Erfindungskraft echter
Künstler. Die bekannten Siege der englischen Druck-
und Tapetenindustrie haben die Arbeit des mutigen
Vorkämpfers reichlich gelohnt.

Ueber die Einzelheiten hinaus ging die Thätig-
keit der Firma Morris & Co. und damit die künstlerische
Arbeit ihres Inhabers auch auf das Ganze
der Dekoration. Im Verein mit den im neuen Geist
führenden Architekten, den Norman Shaw u. a., hat
William Morris das englische Haus umgestaltet.
Man hatte aufzuräumen mit dem Abhub des pariser
Marktgeschmacks, den auch wir gekannt haben, den
geschweiften Möbeln mit den bunt befransten Polstern,
den Goldstuckspiegeln und Plafondteppichen, dem
falschen Marmor und den Velourstapeten. Wenn
der künstlerisch gebildete Engländer dafür heut
schlichte Holzmöbel von gesunder Konstruktion
schätzt, glatte Wände und sinngemäss gemusterte
Stoffe, so ist das — nach Walter Grane's und anderer
Zeugnis — zum guten Teile das Verdienst
des unermüdlichen Reformators.


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