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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/das_museum_02/0056
Sättigung schafft. — Am Weiss und am Schwarz,
die in der Koloristik eine so bedeutende Rolle als
Sammelpunkte der höchsten Leuchtkraft wie der
grössten Ruhe spielen, geht Goethe bezeichnender
Weise mit völligem Stillschweigen vorüber.

Auf physiologischem Wege erklären sich diese
verschiedenen Wirkungen der einzelnen Farben aus
der Stärke der Schwingungsverhältnisse, die die
Wahrnehmbarkeit dieser Farben ermöglichen. Der
geringsten Stärke bedürfen die grünen Strahlen, um
im Auge eine Lichtempfindung hervorzurufen; etwa
i1^mal so gross muss die Stärke der Aetherbewegung
bei den grünblauen, 3 bis 4 mal so gross bei den
blauen, 15 bis 17 mal so gross bei den gelben und
am allergrössten, nämlich 25 bis 34 mal so gross,
bei den roten Strahlen sein, damit sie als Licht wahrgenommen
werden können.

Weiterhin rufen die Farben, je nachdem sie
mit einander zusammengestellt werden, verschiedene
Farbenempfindungen hervor. Bestimmend ist dabei
zunächst das in den Menschen gelegte Streben, sich
nicht beim Anblick einer einzelnen Farbe zu beruhigen
, sondern sofort dabei die ergänzende Farbe,
die mit jener zusammen erst ein harmonisches
Ganzes bildet, mit zu empfinden: also beim Gelb
das Violett, beim Blau das Orange, beim Rot das
Grün, und ebenso umgekehrt. Das sind die sogenannten
Komplementärfarben.

Andere Farbenzusammenstellungen, die Goethe
im Gegensatz zu diesen harmonischen als die charakteristischen
bezeichnet, wecken bestimmte Empfindungen
eigener Art, wenn sie auch den beruhigenden
Eindruck eines geschlossenen Ganzen entbehren
lassen. Indem sie diejenigen Farben, aus deren
Verbindung die Mischfarben, also die Zwischenfarben
der drei Grundfarben hervorgehen, gesondert neben
einandert vorführen, nötigen sie das Auge, sich diese
Mischfarben selbst zu bilden, was jedoch nur dann
gelingt, wenn kleinste Farbenteilchen, fortlaufend
nebeneinander gelagert, aus der Ferne betrachtet
werden, wie solches an den Gemälden vieler moderner
Impressionisten beobachtet werden kann. Dieser
Zusammenstellungen giebt es vier: Gelb und Blau
bilden die einfachste aber auch die ärmste, da in
ihr jede Spur von Rot fehlt, wofür sie freilich dem
beruhigenden Grün am nächsten steht; Gelb und
Karmin, wenn auch einseitig nur aus warmen Tönen
gebildet, wirken heiter und prächtig, ähnlich dem
Zinnober; Blau und Karmin, ähnlich auf der Seite
der kalten Töne, entsprechen dem Purpur; endlich
Zinnober und Purpur, wirken erregend und erinnern
an das Karmin.

Zusammenstellung nah benachbarter Farben
dient oft bestimmten Zwecken in den Gemälden,

macht sich aber im ganzen wenig fühlbar; Grün
mit Gelb einerseits, mit Blau andrerseits, hat gewöhnlich
sogar etwas Gemeines.

Durch die Zusammenstellung heller mit dunklen
Tönen werden weitere Verschiedenheiten erzielt,
wobei der Augenschein lehrt, dass warme Farben
in der Nähe von Schwarz an Leuchtkraft gewinnen,
kalte dagegen verlieren; während letztere wiederum
durch die Nähe des Weiss aufgeheitert werden.
Karmin und Grün mit Schwarz sieht dunkel und
düster, mit Weiss hingegen erfreulich aus.

Die reinen Farben, Rot, Gelb und Blau, lassen
sich zu je zweien mischen; alle drei zusammen
heben sich in Grau auf. Die Mittelfarben: Grün,
Orange und Violett, lassen sich dagegen nicht mit
einander mischen, da sie durch das Hinzukommen
eines Teiles der dritten Farbe beschmutzt werden.
Zusammengenommen aber heben sie sich gleichfalls
in einem reinen Grau auf, da dann die Grundfarben
wieder gleich stark vertreten sind. Zusammenstellungen
wie die zu einem bläulichen Orange, rötlichen
Grün oder gelblichen Violett, von denen
Runge sagt, sie erinnerten ihn an Ausdrücke wie
„südwestlicher Nordwind", erscheinen jetzt nicht
mehr ganz so undenkbar wie damals: etwas
Widerspruchsvolles und Aufreizendes behalten sie
aber stets.

Alle diese Farben nun mit ihren besonderen
Eigenschaften und ihren eigenen Mischungs- und
Verbindungsgesetzen kann der Maler zur Darstellung
bestimmter Naturerscheinungen und weiterhin zur
Schilderung bestimmter Empfindungen verwenden,
die in seiner Seele ruhen. Wie in der Natur durch
den Gegensatz der kalten Schatten zu den warmen
Lichtern ein Mischungsverhältnis beider Farbengattungen
geboten ist, so wird der Maler auch im
Bilde das Gleichgewicht dieser beiden Stimmungen
aufrecht zu erhalten suchen, wobei er je nach seinen
besonderen Zwecken bald, um den Eindruck des
Lebendigen zu erzielen, mehr die warmen, bald, um
ruhige Tiefe auszudrücken, mehr die kalten Töne
verwenden wird. Je stärker die Wirkung sein soll,
die zu erzielen er beabsichtigt, um so weniger
wird er sie durch eine gar zu ausgedehnte Anwendung
von Komplementärfarben beeinträchtigen
dürfen. Bei der Wahl der Farben, welche in
einem Gemälde vorherrschen sollen, wird er dessen
eingedenk zu sein haben, dass je geringer deren
Anzahl, um so kräftiger die Wirkung ist; während
bei der Verwendung einer grossen Zahl leuchtender
Farben wohl der Eindruck des Glanzes
und der Pracht erzielt werden kann, aber zum
Teil nur auf Kosten der ursprünglichen Kraft der

Anschauung.

a Woldemar von Seidlitz.

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