Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/das_museum_02/0075
gleichmässig sichtbar — und aus welchem Winkel
man sie auch heute bewundern mag, immer zeigt
sie gleich schöne Durchschneidungen der Linien
und Verkürzungen, immer neue, gleich anmutige
Umrisse. Superb ist der graziöse und doch kräftige,
straffe, svelte, schlanke Körper mit seinem festen
Fleisch, seinen viel zu hoch sitzenden Brüsten und
dazu der stolze, königliche Kopf mit der hohen,
kunstvollen Frisur.

Die vielgepriesene Linie von der rechten Schulterhöhle
bis zur rechten Kniehöhle, wenn auch anatomisch
in dieser Rundung nicht ganz möglich, wie
glücklich giebt sie doch, einem halbgespannten
Bogen vergleichbar, diesem ganzen Körper den Eindruck
der gesammelten, federnden Schwungkraft.

Es ist natürlich kein Porträt der Diana von
Poitiers, wie etwa bei der schönen und kalten
Pauline Borghese von Canova. Die Herzogin von
Valentinois zählte, als Jean Goujon dies Werk unter
ihren Augen schuf, über fünfzig Jahre; ihre echten
Bildnisse, die Medaille, die Zeichnungen, die knieende
Figur auf dem Grabmal ihres ersten Gatten, des
Gross-Seneschalls der Normandie, Louis de Breze,
ihre Statue auf dem Grabmal in der Kapelle zu
Anet, zeigen einen ganz anderen Typus: ein kaltes,
hartes Gesicht mit hoher Stirn, mächtiger Nase,
weichem Kinn und breit ausladender, voller Büste
— eher vergleichbar den Bildnissen der Katharina
Cornaro als der schlanken Anmut der schönen
Goujonschen Jägerin. Also auch kein idealisiertes
Jugendporträt, sondern eine Art poetischer Apotheose
mit einer feinen Schmeichelei für die irdische Namensschwester
, wie dies schon die Schenkung des
Cellinischen Reliefs an die Herrin von Anet gezeigt
hatte.

Das grosse und bleibende Verdienst, das sich
Diana von Poitiers um die französische Kunst erworben
hat, besteht darin, dass sie gegenüber der
Ausländerei, die unter Franz I. herrschte, ausschliesslich
eine nationale, einheimische Kunst zu nähren
suchte. Wie sie in ihren litterarischen Neigungen
von der klassischen Pedanterie ganz frei war, wie
ihre berühmte Privatbibliothek ausschliesslich französische
Autoren enthielt, so beschäftigte sie auch
nur französische Künstler. Sie hatte das Glück, die
ersten Meister um sich zu versammeln, den Architekten
Philibert Delorme, den Bildhauer Jean Goujon,
den Maler Jean Cousin. Die energische, ehrgeizige,
kalte, staatskluge Frau, die ganz Intellekt war, „nie
verzehrt von dem Feuer, noch berührt von den
Schwachheiten der grandes amoureuses, ein harter
Kopf, absolute Herrscherin über sich selbst" —
so schildert sie Anatole de Montaiglon — die den
neunzehn Jahre jüngeren schwachen König mit einer
mütterlichen Liebe umi?.sste — was auch Brantöme

und Soranzo an Klatschgeschichten zu berichten
haben — und ihn kraft der gewaltigeren Persönlichkeit
beherrschte, hat den Stil Henri IL eigentlich erst
geschaffen und hat einen noch grösseren und persön*
licheren Einfluss auf die Entwickelung der Kunst gehabt
als etwa die Maintenon auf die Ausbildung der
letzten Phase des Stiles Louis XIV. oder die Pompadour
auf die Ausbildung des Stiles Louis XV.

In seiner marmornen Diana hatte Goujon sich
ganz unwillkürlich an das Relief des Cellini angeschlossen
, das zur selben Zeit über dem Portal
des Schlosses eingelassen worden war, das er täglich
vor Augen haben musste. Durch den direkten Einfluss
des Cellini entsteht hier ein ganz neuer Stil
des Goujon — ja selbst etwas von der Goldschmiedekunst
des Cellini scheint auf ihn übergegangen zu
sein: wirkt seine Gruppe nicht wie ein grosser Tafelaufsatz
? Aber alles, was bei Cellini manieriert und
übertrieben, wenn auch herrlich durchgeführt ist,
mildert Goujon mit feinem, künstlerischem Takte;
die übermässig langen Schenkel werden verkürzt,
der lange Oberkörper mit der knappen Büste bildet
ein glückliches Gegengewicht dazu; in dem Kopf
giebt der Künstler einen ganz neuen Typus, in dem
prachtvollen Leib aber schafft er ein Schönheitsideal,
das erst nach fast zweieinhalb Jahrhunderten wieder
erreicht wird, in Houdons Diana. Die Diana Goujons
aber ist, trotz des Tropfens italienischen Blutes, der
erste eigentlich französische moderne Frauentypus,
der geschlossene, straffe, herbe, keusche Typus, der
in der französischen Plastik immer wieder durchdringt
, und heute in etwas feinerer Ausbildung etwa
von Puech vertreten wird.

Im Schloss zu Anet stand — so berichten uns
die Beschreibungen des 16. und 17. Jahrhunderts —
als Gegenstück zu der Diana, in dem Hof zur
Rechten, eine zweite Fontaine, überragt von der
marmornen Figur einer Nymphe, „nur mit einem in
Wasser getauchten Hemd bekleidet, in dessen Faltenwurf
der Künstler so viel Kunst und gleichzeitig
eine solche Naturwahrheit gezeigt hatte, dass das
Auge sich täuschte und einen Augenblick zweifeln
konnte, ob es ein Werk von Menschenhand oder
eine wirkliche Badende sähe."

Die Nymphe ist im Jahre 1796 untergegangen;
aber einen Begriff von ihrer Schönheit und eine
gewisse Entschädigung für ihren Verlust geben uns
die fünf Flachreliefs Goujons mit der Darstellung
von Nymphen, die heute die Fontaine auf dem
Marche des Innocents in Paris schmücken. Die
jetzige Aufstellung, die ein Werk des ausgehenden
18. Jahrhunderts ist, und die Gesellschaft von drei
Nymphen von Pajou geben keinen rechten Begriff
von der ursprünglichen Schönheit des Aufbaues.
Goujon hatte den Auftrag erhalten, die Loggia mit


Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/das_museum_02/0075