http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/das_museum_02/0084
man sagen müssen, dass alle früheren Versuche
Raffaels, individuelles Leben zu geben, nur Schattenbilder
waren gegenüber der unmittelbar überzeugenden
Kraft dieser Charakteristik.
Die Abschreckung Attilas ist, wie gesagt, minderwertig
. Man vermisst die Klarheit im Einzelnen,
wie im Ganzen. Offenbar war es auch hier auf
den Kontrast der ruhig-feierlichen Gruppe des
Papstes und der in Verwirrung geratenden Hunnen
abgesehen, allein der Contrast kam nicht recht zu
stände und der Beschauer gerät selbst in Verwirrung.
Mat hat Mühe nur schon den Attila zu finden,
und die Personen um ihn herum leiden teilweise
an empfindlicher Unklarheit der Zeichnung. Man
wird also die Autorschaft Raffaels bei diesem
Bilde, das auch im Ton aus der Reihe der übrigen
im Zimmer herausfällt, nur als eine bedingte anerkennen
können.
Vollends ist im Zimmer mit dem Borgobrand
(1514—1517) an eine persönliche Teilnahme nicht
mehr zu denken. Das Hauptbild, nach dem der
Raum seinen Namen hat, besitzt zwar vorzügliche
Einzelmotive, ist aber locker im Bau, und die anderen
Bilder lassen auch das gute Einzelne vermissen.
Der Vortrag im Borgobrand ist nicht mehr von der
malerischen Weichheit der zweiten Stanze, dafür
aber sehr klar und von starker körperhafter Wirkung.
Für die weltberühmten Figuren der Wasserträgerin
und der fliehenden Familie (Aeneas und Anchises)
wird man immer gerne RafFael als Erfinder nennen;
es lebt sich hier dieselbe plastische Phantasie aus
wie in den besten Figuren der gleichzeitig entstandenen
Farnesina-Decke. Es ist die Schönheit
seines reifen Alters — unmittelbar vor seinem Tode —,
wo er den Eindruck Michelangelos ganz überwunden
hat und zu der antiken Kunst nur wie zu einem
verwandten Genius hinübergrüsst, ohne Nachahmer
zu werden. Heinrich Wölfflin.
Ausschnitt aus der Disputa.
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