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ERLÄUTERUNGEN
I. Melozzo da Forli: Musizierender Engel. In den letzten
Jahren der Regierung Sixtus IV. (f 1484) malte Melozzo in der
Halbkuppel der Chortribüne von S. Apostoli ein grosses Freskobild
, das bei einem späteren Umbau der Kirche teilweise heruntergeschlagen
, nur noch in Fragmenten erhalten ist. Im Jubel
einer verehrenden Engelschar war Christus zum Himmel fahrend
dargestellt, und eine Reihe musizierender Engel, über einander
zu beiden Seiten des ansteigenden Kuppelgewölbes im Gewölk
schwebend, begleitete mit himmlischer Musik dies letzte Wunder.
Unser Engel, das reiche Lockenhaupt zwischen dem weitgespannten
Flügelpaar, leicht nach rechts geneigt, scheint mit
den langgezogenen, sanft schwellenden Tönen seiner Geige die
Auffahrt des Herrn zu feiern, dessen Verklärung er mit gross
erstaunten Augen folgt. Die heroischen Körperformen, der grosse
Schnitt des Gesichts und die machtvoll gebauschte Gewandung
sind durch die Innigkeit des Ausdrucks und die zarte Farben-
gebung jener engelhaften Schönheit genähert, in der Hoheit und
Anmut verschmelzen. Mit der Unteransicht, in der Melozzo die
Figur dem aus der Tiefe aufblickenden Beschauer zu Liebe
zeichnete, bewältigte er ein perspektivisches Problem, dem sich
schon sein Lehrer Piero della Francesca zugewandt hatte, und
dessen Lösung oft als ausschliessliches Verdienst des so viel
jüngeren Correggio angesehen wird.
2/3. Cranach: Ruhe auf der Flucht nach Aegypten. Das
Gemälde der früheren Sammlung Fiedler, das wir abbilden,
giebt wohl eine Vorstellung von der Begabung des früher
überschätzten, jetzt unterschätzten Meisters, ist aber mit
nichten eine typische Schöpfung seiner höchst fruchtbaren
Wirksamkeit. Höchstens in den Holzschnitten Cranachs, kaum
aber in seinen Gemälden wird je die kernige Gesundheit
und die von Manier freie Formensprache dieser Tafel
wiedergefunden. Wir wissen nicht, aus welchem Boden der
Meister die Kraft gezogen hat zu diesem seinem ersten bekannten
und zugleich seinem bei weitem besten Bilde. Aus datierten
Gemälden sonst kennen wir nur das allmähliche Absterben seiner
Kraft seit etwa dem Jahre i5io. In keinem anderen Bilde des
16. Jahrhunderts, selbst in keiner Schöpfung des Altdorfers ist
soviel Waldpoesie, wie in diesem Jugendwerke Lucas Cranachs.
4. Teniers: Die Kirmes. Vor dem Bauernhause zur Rechten
eine ländliche Lustbarkeit. Mit der Sackpfeife wird zum Tanz
aufgespielt. Mit Zärtlichkeiten, mit Speis und Trank unterhalten
sich die Alten und die Jungen. Das Bauerntreiben ist nicht mit
der Kraft Brouwers und nicht mit der Herzlichkeit Ostades geschildert
. Die Freude mag etwas gedämpft sein, so lange das
herrschaftliche Paar zuschaut, das von links herkommt. Die
Karosse wartet und ganz hinten sieht man die Türme des Gutsschlosses
. Die Herrschaften wollen sich ihren Bauern gnädig
zeigen, oder sie langweilen sich auch und wünschen sich an
dem derben Bilde der Bauernfreuden zu erheitern, oder sie
suchen die Freude an der eigenen Vornehmheit und Wohlanständigkeit
zu verdoppeln in diesem gegensätzlichen Anblick.
Ein wenig wie diese Gutsherrschaft sah Teniers auf die Bauern.
Teniers war übrigens ein sehr vornehmer Herr und besass selbst
ein Schloss. Sein Publikum, das wieder und wieder Bauernbilder
verlangte, sah sicher so auf die Bauern.
5. Graff: Bildnis des Daniel Chodowiecki. Graff, der einzige
deutsche Portraitmaler im 18. Jahrhundert, der als geschmackvoller
und durchgebildeter Realist gelten kann, war mit
Chodowiecki, dem Realisten auf dem Gebiete der Illustration
bürgerlicher Zustände, eng befreundet. In einem langjährigen
Briefwechsel tauschten beide ihre Erlebnisse, Meinungen und
Nachrichten aus, und wenn Graff, wie es nicht selten geschah,
von Dresden nach Berlin kam, um dort eine Reihe von Bildnissen
hintereinander zu malen, so fand er wohl auch Zeit, den Freund und
dessen Gattin zu portraitieren. Ein Oelbildnis der Frau Chodowiecki
stammt aus dem Anfange der achtziger Jahre; das Bildnis
Chodowieckis selbst, das unsere Tafel bringt, wurde erst im
Jahre 1800 und zwar nach vier Sitzungen ausgeführt. Der Dargestellte
war damals Direktor der Königl. Akademie der Künste
und 74 Jahre alt. Das Bild, von dem mehrere Wiederholungen
existieren, wurde von F. Arnold gestochen.
6. Betender Knabe. Die sogen. Statue des Betenden Knaben
ist unter den Einzelwerken der Berliner Antikensammlung das
berühmteste Stück. Sie ist, soweit sich ihre Geschichte zurückverfolgen
lässt — die früheste Spur führt auf das Jahr 1586
und über Venedig und Aquileja nach Griechenland oder dem
Orient als Fundstätte —, mehrfach in vornehmem Besitz gewesen
. 1747 wurde sie für 5ooo preussische Thaler von Friedrich
dem Grossen erworben. Damals ist sie in Sanssouci dem
Fenster der Bibliothek gegenüber aufgestellt. — Es ist sehr
zweifelhaft, ob die Figur ein „Betender Knabe" war. Dieser
Sinn ist ihr erst durch die moderne Anfügung der beiden Arme
gegeben, als die fehlenden Teile im 17. Jahrhundert in Paris
ergänzt wurden. Als Rauch in Anlehnung an die Statue sein
,,Betendes Mädchen" ausführte, das als „Hoffnung" gestaltet jetzt
die Kirche von Arolsen schmückt, galten die Arme noch für
antik. — Die schönen, in reicher und bewegter Modellierung
spielenden Formen des Körpers sind sehr jugendlich. Aber sie
sind weniger individuell, als einem Schönheitsideal entsprechend
gebildet. Sie kommen daher auch „mit einer bestimmten Altersstufe
nicht überein, sondern sind davon losgelöst. Es ist dies
eine Eigentümlichkeit, die sich an den Werken der jüngeren
griechischen Kunst mehrfach beobachten lässt".
7. Rossetti: Ecce Ancilla Domini! Das Gemälde trägt am
Fuss die Bezeichnung „März i85o". Begonnen und in der
Hauptsache fertiggestellt wurde es schon 1848. Es ist mithin
eine der frühesten Schöpfungen des Malers und gerade als
solche bemerkenswert. Rossetti war das geistige Haupt der
englischen Präraffaelitenschule, jener Gesellschaft junger Leute,
welche mit dem akademischen Zopf brachen und die Kunst
wieder auf jene Basis stellen wollten, auf welcher sie der junge
Raffael gefunden hatte: Vertiefung ins Innenleben der darzustellenden
Gestalten, Verzicht auf die landläufige Kunst der Komposition
und Farbengebung waren die Schlagworte, denen sie
sich geweiht hatten. Es dauerte ein Menschenleben, ehe sie
mit ihrer Kunst in England, ein zweites, bis sie auf dem Kontinent
zur Anerkennung kamen. — Der Engel der Verkündigung,
von Flammen unter den Füssen getragen, naht der Jungfrau,
die sich von ihrem schlichten Lager erhebt. Er reicht ihr die
Lilie, deren Bild zu sticken ihre Tagesarbeit gewesen war. Noch
brennt das Nachtlämpchen, während die Taube zum Fenster
hineinfliegt. Draussen Frühling, drinnen sorgende Erwartung
des grossen Mysteriums.
8. Tuaillon: Amazone. Als auf der Berliner Kunstausstellung
von 1895 Tuaillons „Amazone" vor dem Hauptportal aufgestellt
wurde, war mit einem Schlage der Ruf des Künstlers, der bis
dahin von Wenigen nur gekannt war, gegründet. Mit Freude
und Genugthuung empfand man es, dass ein Werk dieser Art,
so erfüllt vom Geiste klassischer Kunst, und dabei so durchaus
modern empfunden, von der Hand eines Berliner Künstlers
stammte. Es hat eine Zeit gegeben, da man sich ebenfalls von
der Antike inspirierte, und indem man ihre Kunst nachahmte,
den allein richtigen Weg zu gehen glaubte. Diese Nachahmung
aber war eine Entfernung von der Natur, und ist demzufolge —
zum Glück! — vorübergehende Mode geblieben. Aufs glücklichste
hat Tuaillon diese Klippe vermieden. So wahr ist diese
Gruppe, so von Leben beseelt, Reiterin wie Ross, dass man
meinen' möchte, der Künstler habe die stolze Frau zu Pferde
vor sich gesehen. Ein wahrhaft plastischer Sinn hat diese Figuren
gebildet.
9. Frans Hals: Bildnis des Herrn van Heythuysen. Den
Herrn van Heythuysen hat Frans Hals in dem berühmten Bdde
der Sammlung Liechtenstein dargestellt, das sich vor allen Por-
traits des Meisters durch die stolze Monumentalität der Haltung
auszeichnet (vergl. Band I Tafel 65), und ferner noch zweimal,
minder repräsentativ, in mehr häuslicher genrehafter Auffassung
und in weit kleineren Massen. Das eine Exemplar der kleineren
Komposition kam 1865 in die Sammlung James Rothschild nach
Paris, das andere, hier abgebildete, nicht minder feine, wenn
auch minder genau ausgeführte, 1870 in die Brüsseler Galerie.
Das mit dem Monogramm des Meisters signierte Brüsseler Bild
ist etwa 1635 entstanden.
10. Mannozzi: Ein Künstlerschmaus. Bei manchen der von den
Zeitgenossen hochgefeiei ten Fresken des Mannozzi geht der
moderne Kunstfreund, dessen Blick vorzüglich Werke der Quattrocentokunst
fesseln, vorüber, obwohl sie unter den gleichzeitig
entstandenen Kunstwerken Beachtung verdienten. Aber bei einem
Bild verweilen viele wohl einen Augenblick. Eine übermütige
Gesellschaft ist dargestellt, an reich besetzter Tafel schmausend,
eine Genossenschaft von Künstlern wahrscheinlich, die nicht
sowohl auf gute Manieren, als auf guten Humor sehen und derbe
Witzworte mit schallendem Gelächter beantworten. Solche
frohen Gelage sind uns aus Schilderungen — man denke an
Cellinis Biographie — bekannt; als bildliche Darstellung beansprucht
unser Bild besonderes Interesse. Warum aber dies
Werk den Vorübergehenden zum Stehenbleiben zwingt, ist die
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