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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/das_museum_03/0028
hl. Bernardino Tolomei, die erst 1534 hinzugefügt
ist, machen sich Putti mit einem Vorhang zu
schaffen. Also noch einmal jenes Motiv, das im
Bilde der Hochzeit Alexanders so sinnig mitspricht.
— Auch in S. Domenico hat Sodoma im architektonischen
Beiwerk eine Menge von Amoretten
angebracht. Sie gelingen ihm immer so vorzüglich
, dass er darin selbst einen Vergleich mit
Raffael nicht zu scheuen braucht; ja man hat ihm
hierin schon den Vorzug gegeben.

Somit ist das Beste von ihm zur Anschauung
und zur Sprache gekommen
. Von den geringeren
Werken, die
namentlich seinem Alter
angehören, soll hier
nicht weiter die Rede.

Sodoma ist ein
echter Sohn der italienischen
Hochrenaissance
. Die Kunst dieses
Zeitalters unterscheidet
sich von der des unmittelbar
vorausgehenden
dadurch, dass sie
die Formen vereinfacht,
befreit und veredelt,
indem sie einer platonischen
Idee vom schön
Menschlichen folgt. Es
erwächst ihr das Vermögen
, die Bahnen der
Gestaltung kühn und
schwungvoll über starke
Gegensätze hinweg
zu harmonisieren und
alles ins Monumentale
zu heben. Zugleich bildet
sich in Oberitalien
die Komposition nach

Licht und Farbenwerten aus. — Nun liegt jedoch
im Keim der Hochrenaissance leider auch schon
der Keim ihres Todes: des Uebergangs zum Akademischen
und Dekorativen. Die Kunst wird
in ihr zu sehr blosse Kunst. Lionardo, der Begründer
und Leiter der mailändischen Akademie,
der grosse Eröffner dieser Epoche, indem er das
Wesen und die Normen der Naturerscheinungen
erforscht, indem er die Gesetze und Methoden der
Kunst feststellt, erleidet er in gewissem Sinne eine

Sodoma, Christus an der Säule.
Fresko. — Siena, Akademie (aus S. Francesco

Einbusse als Künstler, denn sein Schaffen erhält
dadurch, so tief suchend und gediegen es auch ist,
bisweilen einen zu bewussten Zug und eine zu grosse
Allgemeinheit. Und das kommt schon unverkennbar
zu Tage in jener Leere und einförmigen
Milde, die uns oft stört, die Romantik eines Luini,
Oggiono, Cesare da Sesto zu geniessen, in der
kahlen Grossheit eines Fra Bartolomeo, im heroischen
Formenadel der Römer, in den Ansätzen
zu bloss äusserlicher Wirkung, wie sie in
der venezianischen Farbenpoesie enthalten sind.

Etwas von der
Schwäche in der Kraft
jener grossen Zeit hat
auch Sodoma. Wohl
hält er sich frei von
jenem Manierismus, wie
er namentlich unter Michelangelo
in Schwang
kommt. Seine leichte,
weiblich geartete Natur
bleibt hierin unbefangen
. Sie besteht aber
auch in Leichtsinn, in
Lässigkeit. Ob er wirklich
, wie Vasari u. A.
berichten, ein liederliches
, wüstes Leben
führte, kann dahingestellt
bleiben, allein von
entscheidender Bedeutung
ist es, dass es ihm
in seiner Kunst an Charakter
fehlt. Er wird oft
sehr ähnlich einem eitlen
Schöngeist, einem
Tändler und Schmeichler
. Zwar ist alle Kunst
inwendig ein Spiel, aber
ein sinnvolles, eine Illusion
, aber eine wahrhafte. Nur unter dieser Bedingung
besteht sie. Sodoma dagegen kommt mehr und
mehr in ein blosses Spielen mit dem Spiel hinein,
er überlässt sich seinem „Gewohnlieben" (mit Dürer
zu reden), er verscherzt, was ihm die Natur bietet,
vergisst, was ihr Gesetz befiehlt, und da sein Sinn
so einseitig und so weichlich auf gewisse Formen
von sinnlicher Anmut und auf den Ausdruck schöner
Empfindungen gerichtet ist, wird er darüber vag,
süsslich, matt und verschwommen.

Robert Vischer.

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