http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/das_museum_03/0037
Bildwirkereien.
BILDWIRKEREIEN werden in einer besonderen Technik
ausgeführt, für welche wir in Deutschland als allgemeinverständliche
Bezeichnung nur das Wort ,Gobelin' haben. Diese
Bezeichnung schreibt sich bekanntlich von der französischen
Staatsmanufaktur her, welche auf einem ursprünglich der Färberfamilie
Gobelin gehörigen Grundstücke errichtet war und neben
anderm Luxusgerät auch die gewirkten Wandteppiche herstellte.
Hierin war sie im Laufe des vorigen Jahrhunderts allen sonst
noch bestehenden Fabriken so weit überlegen, dass sich für
Deutschland aller verwandten Ware dieser Name aufprägte.
In Wirklichkeit ist die Manufacture des Gobelins nur der
letzte, wenn auch besonders glänzende Ausläufer einer Kunst, die
im ganzen Mittelalter und sicherlich auch im klassischen Altertum
und in der ältesten orientalischen Kultur überall gepflegt wurde.
Diese Technik, welche im stände ist, grosse Bilder mit vollem
malerischen Glänze wiederzugeben, scheint innerhalb der Textil-
kunst die höchste Spitze zu bedeuten. In Wirklichkeit dagegen
ist diese Technik weitaus primitiver als die eines leidlich gemusterten
Kleiderstoffes; es ist nicht mehr zweifelhaft, dass
sie aller Orten bereits geübt wurde, ehe man Muster zu weben
verstand, oft lediglich als halb bäurischer Ersatz der eigentlichen
Musterweberei, auch für Gewänder.
Die Technik der Wandteppiche ist die denkbar einfachste,
genau dieselbe, die man als ,Stopfen' bezeichnet. Kettfäden aus
festem Garn werden in der Breite, welche das Bild erhalten soll,
als dichtes Gitter nebeneinander aufgespannt, der Wirker führt
alsdann mit dem Knäuel oder einer Spule die farbigen Wollfäden
auf dem Flecke, der etwa blau werden soll, hin und her, so
dass er fadenweise wechselnd über und unter den Kettfäden
stopft, diese Wollenfäden werden alsdann mit einem Kamme so
fest angeschlagen, dass der Kettfaden völlig verschwindet, der
blaue Farbenfleck ist auf der Vorderseite und Rückseite gleich,
nur dass auf der Rückseite die Fadenenden befestigt werden.
Neben den blauen Fleck kommt alsdann ein roter oder grüner
je nach dem Vorbilde. Hieraus ergiebt sich ohne weiteres, dass
einfache, besonders geometrische Muster sich am leichtesten
arbeiten, daher die Muster der türkischen Thürvorhänge, der
Kelims, der nordischen Webereien u. s. w. Auch wenn man Figürliches
darstellen will, wird man sich gerne mit Lokalfarben
innerhalb fester Konturen begnügen; hierdurch bekommen alle
mittelalterlichen Wandteppiche einen dekorativen Flächencharakter.
Uebergänge in den Tönen zu schallen, dazu bedarf es schon
einer besonderen Geschicklichkeit, und wenn die französischen
Gobelins es im vorigen Jahrhundert dahin brachten, nahezu mit
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