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Maussoleum weisen bei der Menelaosgruppe schon
Aeusserlichkeiten. Auf den Bliesen des Maussoleums,
aus denen hier einige Stücke abgebildet sind (vergl.
auch Bd. III Taf. 30), kehren mehrfach Figuren
wieder, Amazonen wie Griechen, bei denen das Gewand
ganz ähnlich geteilt um den Körper hängt wie
bei dem Menelaos. Am unmittelbarsten ruft der
behelmte Krieger auf einer der Platten, welche dem
Westfries zugeteilt werden, diese Erinnerung wach.
Wichtiger ist bei dieser Figur, wie bei anderen
Figuren und Gruppen auf den Reliefs, die unverkennbare
Aehnlichkeit in der Art der Komposition
und Darstellung, in der lebhaften, ausdrucksvollen
Bewegung, in dem stürmischen, hohen Pathos. In die
Epoche des Maussoleums, also in die Epoche, in der
Skopas und Bryaxis, Timotheos und Leochares ihre
Werke schufen, gehört die Menelaosgruppe hinein.
Ihren Schöpfer können wir freilich nicht namhaft
machen. Aehnliche Aufgaben hatten die Künstler,
die der gleichen oder ungefähr gleichen Zeit angehören
, nicht selten zu lösen. In dem einen
Giebelfeld am Tempel der Athena in Tegea hatte
Skopas die Jagd auf den kalydonischen Eber geschildert
. Dabei zeigte eine Gruppe den verwundeten
Ankäos von Epochos gestützt. Unter den Werken
des Silanion, der als Bildner charaktervoller Porträts
gelobt wird, wird eine sterbende Jokaste genannt,
dann, ohne genauere Angaben, Achill und Theseus.
Vor allem aber darf man an den grossen Euphranor,
den zugleich als Maler und Bildhauer thätigen
Korinthier, erinnern, mit dessen Stoffgebiet sich
unsere Gruppe berührt. Sein Ruhm beruhte auf
der Darstellung von Heroen und von historischen
Schlachten. Die Verschiedenheit seines Gemäldes
des Theseus von dem des Parrhasios soll er mit
dem Ausspruch bezeichnet haben, der Theseus des
Parrhasios sei mit Rosen genährt, der seine mit
Rindfleisch. Er zuerst hat, wie ein überliefertes
antikes Kunsturteil lautet, die Heroen ihrer Helden-
haftigkeit völlig entsprechend dargestellt, und es
wird hinzugefügt, seine Gestalten seien zwar
schlanker als die der früheren Meister, aber etwas
gross an Kopf und Gliedern, — also von mannhafter
Erscheinung, hoch gewachsen, mit mächtigem Haupt
und starken Gliedmassen, wie es den Helden wohl
ansteht und wie es der gewaltige Menelaos der
Gruppe uns vor Augen stellt. Der höchsten Vorstellung
von den homerischen Helden ist diese
Gruppe gemäss, von wem immer sie erdacht und
ausgestaltet sein mag.
R. Kekule von Stradonitz.
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