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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/das_museum_05/0034
Dierick Bouts, der das Einzelne vor allem sieht oder
bei den van Eycks, in denen noch die ausdauernde
mittelalterliche Arbeitsweise steckt. Aber doch hat
Geertgen durch das Unterordnen des landschaftlichen
Details unter eine einheitliche Stimmung einen
vollkommeneren Eindruck eines getreu beobachteten
Landschaftsbildes erreicht als irgend ein anderer der
primitiven Niederländer. Es genügt dem Beschauer,
dass das Farrenkraut, der Löwenzahn, die Disteln
und Bäume der Art gestaltet sind, dass seine allgemeine
Vorstellung von diesen Pflanzen geweckt
wird. Die grössten Landschafter sind nicht die
besten Botaniker gewesen (es hätte sich denn immer
die Liebe zur Wissenschaft mit der Kunst verbinden
müssen, wie bei Dürer und Lionardo), nicht Ruys-
dael noch Hobbema, noch weniger Rembrandt und
Rubens, in deren Bilder nicht einmal die Baumgattung
zu bestimmen ist. Auf dem von ihnen be-
schrittenen Weg, der dahin führte, dass in Phantasielandschaften
das Eigenleben der Natur bis auf
die letzte charakteristische Detailform von dem Stilempfinden
des Künstlers aufgesogen wurde, ging
Geertgen voran. Unbewusst legte er mehr Wert
darauf, dass sich in jedem Blattgebilde der Geist
des Künstlers ausdrücke als dass die Vorlage aus
der Natur deutlich werde.

Ist in diesem Werk alle Leidenschaft ins Innere
festgebannt, so gibt es ein Werk des Künstlers,
vielleicht sein letztes, in dem sie so schreckhaft wie
niemals hervorgebrochen ist (Taf. 42): der Christus
im Sarkophag in Utrecht. Der Heiland ist über und
über mit Blut beströmt, aus seinen Wunden bricht
es in breiten Bächen, mit matter Hand sucht er die
Quellen der klaffenden Seite zu fassen, sein schwankender
Körper zerbricht vor der Last des Kreuzes,
das sich schwarz und plump gegen ihn lehnt. Da
stürzen grosse Tränenperlen aus seinen Augen und
alle um ihn weinen, Maria und Magdalena und Johannes
und die Engel. — Aller Mässigung ist Hohn
gesprochen. In nordischem Empfinden ist die Komposition
aus dem Geist der Darstellung herausgeboren
, wirr und wild wie der Inhalt. Wie unmöglich
bewegen sich die Figuren in einem unmöglichen
Raum. Man weiss nicht, wie sich Christus
im Sarkophag hält, wie das Kreuz Grund finden kann
noch wie Magdalena knieen, Maria und Johannes
Raum haben können. Das Grab deutet eine Richtung
in die Tiefe an, die durch den Querbalken des
Kreuzes in entgegengesetztem Sinn umgebogen wird.
Die Engel, die sich nach ihren Grössenverhältnissen
weiter hinten befinden müssen, werden, da sie
die Konturen von Vordergrundsfiguren oder den
Bildrand überschneiden, in die vordere Ebene gerückt
. Wie sich die Bildebenen durcheinanderschieben
, so ist auch die Stellung der Figuren zueinander
möglichst konträr. Wie dicke, dunkle
Striche zerteilen die gerade konturierten Gegenstände
, das Kreuz, der Sarkophagrand, Lanze und
Stange die enggefüllte Fläche. Durch das Ueber-
schneiden der Gestalten durch den Bildrand an allen
vier Seiten wird der Eindruck eines wirklichen Naturausschnittes
verstärkt.

Freilich sind Gegengewichte geschaffen, die den
Schein grausiger Wahrheit abschwächen sollen.
Durch den für diese Zeit schon ungewöhnlichen
Goldgrund und die undenkbare Anordnung in einem
unwirklichen Raum ist das Werk als Repräsentationsbild
bezeichnet. Die Rücksicht auf den Beschauer,
die in dem Johannesbilde vermieden war, um der
Darstellung höhere Realität zu geben, ist durch
die Haltung Christi ausgesprochen. Die scheinbare
Verworrenheit der Komposition aber löst sich bei
näherem Zusehen auf. In regelmässigem Rhythmus
wiederholen sich die Wendungen, von den Gestalten
sind drei auf beiden Seiten Christi verteilt, in die
Mitte ist ein annäherndes Dreieck gelegt, dessen
Spitze durch den Kopf Christi gebildet wird.

Freilich, stärker als die Harmonie der Bildung
wirkt der seelische Inhalt. Man frägt sich, ist es
noch hohe Kunst, die so erschlagend wirkt, dass
man nach formaler Schönheit zu fragen vergisst.
Es ist keine, die mit gewöhnlichem Masse zu messen
ist, so wenig wie die späte Malerei Rembrandts. Sie
ist ein Kampf, kein Siegeszug wie alle südliche
Kunst, und kennt nur einen Triumph, den prome-
theischen höchster Persönlichkeit.

Der Künstler, der so Grosses schuf, wurde
28 Jahre alt. Der Reiz frühverstorbener Meister,
ihre vielgepriesene Liebenswürdigkeit, umstrahlt ihn
nicht. Jugendlich an ihm ist das naiv Drastische
des Ausdruckes, die Intensität, mit der er den Schmerz
empfindet, die Einfachheit und Grösse, mit der er
ihn darstellt als habe er nicht Zeit, sich auf das
Kleine einzulassen.

Wilhelm R. Valentiner.

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