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Zeiten geschmeichelt hat, das ihm vorschwebende
Ziel erreicht zu haben, wenn er sich dann auch
wieder vor den Abgüssen der Parthenonskulpturen
eine zweite Jugend wünschte, um noch einmal von
vorn zu beginnen.
Man darf sich durch all das nicht täuschen
lassen. Die Gemälde selbst klären genugsam darüber
auf, dass nichts sklavisch übernommen wurde. Die
Formen der Antike haben in des Malers Hirn
— wissentlich oder unwissentlich — eine gründliche
Wandlung erfahren. Bis auf das letzte zierlich erfundene
Ornament ist jede Form, jede Linie sein
Eigentum, unersetzlich, und die feine Stilisierung
hat etwas durchaus Neues zuwege gebracht.
Mit Unrecht werden diese Gemälde heute gering
geachtet, ja verspottet. Der Sinn für ihren nicht
unbeträchtlichen artistischen Gehalt, für das persönliche
Element ihres Stiles ist fast ganz verloren
gegangen, und doch sollte es zu denken geben, dass
Ingres, der von 1796—1801 in Davids Atelier gemalt
hat, gerade von diesem Stil seinen Ausgang genommen
hat.
Freilich haben die Gemälde schwere Mängel.
Dem ethisch-didaktischen Pathos, das den Ausgang
des 18. Jahrhunderts beherrschte, wird gar zu grosser
Raum gegeben, David selbst erscheint in der Wahl
seiner Motive gegenständlich stark präokkupiert.
Auch in der Ausprägung der Form sind es Programmalereien
, in denen die Prinzipien der neuen
Kunst demonstriert werden, und die Aufdringlichkeit
, mit der das geschieht, stört den künstlerischen
Genuss oft empfindlicher noch als das Pathos, das
so falsch und hohl nicht ist, wie es gewohnheits-
mässig gescholten wird. Die Gemälde sind in einer
einzigartigen Zeit entstanden und es ist nicht verwunderlich
, dass der gehobene Geist der Weltbegebenheiten
sich mit weit ausgreifenden Gebärden
und einem eigenen pathetischen Bewegungsrhythmus
in ihnen spiegelt.
Bisweilen aber, in dem Gemälde des Paris und
der Helena zum Beispiel, ist David auch in den
antiken Historien zurückhaltender, feiner, künstlerischer
. Da führt das „epurement", die Stilreinheit
bisweilen zu einer beinahe graziösen Linienkunst.
Es ist natürlich, dass wir die Schönheit dieses in
einer neuen Art ornamentalen Stiles am deutlichsten
da fühlen, wo das Motiv am einfachsten ist, wo das
Gegenständliche keine Schwierigkeiten bereitet, in
einigen Porträts, die stilistisch zu der Gruppe der
antiken Historien gestellt werden müssen.
Der Art ist das Reiterporträt Bonapartes vom
Jahre 1801, dessen künstlerischer Effekt nicht so
sehr auf dem Kontrast zwischen der Ruhe des Reiters
und dem Feuer des Pferdes wie auf dem Raffinement
der Zeichnung beruht. Noch reineren Genuss aber
bereitet das Bildnis der Malerin Vigee- Lebrun (in
Rouen). Hier kommen dem präzisen mit dem Pinsel
ziselierenden Stil des Directoire auch ganz helle, klare
Farben zu Hilfe. Das den Körper dünn verhüllende
Kleid ist weiss mit lila Bortenstickerei, die Schärpe
goldgelb und blau, die Sandalenschuhe mit kreuzweis
gebundenen Bändern hellblau, das Tuch, das
über die Stuhllehne auf den Sitz niederfällt, gelb
mit rotem Saum und gestickter Lorbeerkante, die
Marmorfliesen des Fussbodens grau, violett, grün
und gelb.
Das — unvollendete — Porträt der Mme Juliette
Recamier(Bd.ITaf. 118), um das Jahr 1800 entstanden,
gehört so, wie es heute ist, nur bedingt in diese
Gruppe, der es durch die überlegte Komposition und
das absichtsvoll antikisierende Wesen freilich nahe
gerückt wird. Aber die Stilisierung entbehrt der
Schärfe, und vor allem, das Bild ist mit einem ganz
anderen Pinsel gemalt, der Hintergrund, das gelbbraune
Holzwerk der Sofabank, die gelben, hellblau
gefütterten Rollen und Polster sind breit getupft, und
auch die Falten des weissen auf den Boden herabhängenden
Kleides sind weich und rund mit dem
Pinsel modelliert.
Mit alle dem ist das Bild den Darstellungen
aus der Zeitgeschichte näher verwandt, denen sich
Bildnisse anspruchsloser Komposition, Gelegenheitsbildnisse
, anreihen. —
Mit dem Beginn der grossen Revolution wurde
David, der bis dahin nur als Repräsentant des künstlerischen
Fortschrittes die Oeffentlichkeit beschäftigt
hatte, in den Strom der politischen Ereignisse hineingezogen
. Als Abgeordneter der Stadt Paris nahm
er an den Verhandlungen des Nationalkonvents teil,
die er vom 16 nivöse bis zum 2 pluvöse des Jahres II
als Präsident geleitet hat.
Es ist nicht eben verwunderlich, dass die leicht
entflammte Phantasie des Künstlers sich zu politischem
Radikalismus fortreissen Hess. Die Parteiwahl
ist bezeichnend. David schloss sich der Bergpartei
an, der Gruppe also, die unter Führung
Robespierres im Gegensatz zu den Girondisten, den
rationalistischen Voltärianern, die praktischen Konsequenzen
der Gefühlsphilosophie Rousseaus zu
ziehen suchte.
Das spröde Pathos der Römerbilder äussert sich
nun in Reden und Anträgen von der Tribüne, in
Wortentwürfen monströser Freiheitsmonumente, die
nicht zur Ausführung gelangten und in der Inszenierung
der grossen Revolutionsfeste, deren Verlauf
gleichzeitige Stiche und Buntdrucke festhielten.
In diesen Jahren aber entstand auch der „Bara"
(in Avignon), der dreizehnjährige Knabe, der als
Tambour für die Republik starb, nackt, am Boden
liegend, die Nationalkokarde im Sterben ans Herz
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