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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/das_museum_05/0048
Ingres. Bildnis der Mlle. de Montgolfier.
Bleistiftzeichnung. Paris, früher Sammlung Goupil.

Malerei vor Raffael eingeleitet wurde. Wilhelm
von Humboldt, dem in den Jahren 1798 bis 1799
und 1800 im Augustinerkloster die Idee zu seinen
physiognomischen Studien aufging — er wollte
an den durch die Jahrhunderte leitenden Porträtskulpturen
des Museums die Gesichtsbildung der
gallischen Rasse wissenschaftlich, „nicht als moralische
Hieroglyphen, sondern als reine Naturformen"
zu begreifen suchen — fühlt sich vor einem frühgotischen
Relief mit dem Martyrium des hl. Hippo-
litus aus St. Denis an „einige ähnlich geordnete
Kompositionen auf etruskischen und andern antiken
Gefässen erinnert"; im Louvre und in der Sammlung
Lucien Bonapartes bekehrte sich drei Jahre später
Friedrich Schlegel zu dem Stil der alten Malerei,
die noch „der Würde und Heiligkeit der höchsten
aller Hieroglyphen, des menschlichen Leibes" Gerechtigkeit
widerfahren Hess.

Alle diese Gedanken, die damals in der Pariser
Luft gelegen zu haben scheinen, hat auch Ingres
gründlich durchgedacht. Noch im Jahre 1812 hat
er eine grosse Mondschein-Ossian-Komposition,
Ossians Traum, als Plafond für eines der Napoleon
bestimmten Gemächer des Quirinal entworfen (jetzt
im Museum von Montauban). —Das Jahr 1801 brachte

ihm zugleich mit dem Prix de Rome die Entfremdung
von David, fünf Jahre hat er sich dann noch
in Paris auf eigene Hand durchgeschlagen, in beständigem
Studium, durch Porträtzeichnungen und
-Gemälde — was für Zeichnungen, was für Gemälde!
— den Lebensunterhalt kümmerlich erwerbend, bis
endlich die Auslösung des Rompreises durchgesetzt
werden konnte. In diesen letzten fünf Pariser Jahren
entstanden die Bildnisse des Mr und der Mme Riviere
(um 1804, Louvre), „la belle Zelie", in Rouen ist
von 1806 datiert und aus demselben Jahre stammt
die Zeichnung der Familie Forestier des Louvre!

Noch in Paris lernte Ingres auch John Flax-
man kennen, dessen Ruhm eben damals Pirolis
Stiche nach den Homer-, Aeschylos- und Dantezeichnungen
durch Europa trugen und der nun Ingres'
Achill, das Gemälde, das ihm den Rompreis eingetragen
hatte, für das beste erklärte, das er in Paris
gesehen habe. Es gibt trotz aller Verschiedenheit
des Temperaments und des Alters beider Männer,
trotzdem auch in diesem Verhältnis Ingres der unvergleichlich
reichere und grössere war, etwas Verwandtes
zwischen dem französischen Maler und dem
englischen Zeichner und Bildhauer. Ingres hat das
selbst durch die Tat bekundet, als er Flaxman einen
Platz in der kleinen erlauchten Künstlerversammlung
des Homerplafonds (1827) anwies. Der Zug
zur primitiven und doch wieder sinnlich reichen,
ans Ueppige streifenden Linie ist beiden gemein und
bei beiden ist dem dekorativen Archaismus die Spur
eines feinen exotischen Parfüms beigemischt.

Hören wir die gleichzeitige Kritik. Delecluze
nennt Ingres erstes Napoleonporträt von 1806 eine
gotische Medaille; über die Odaliske Pourtales von
1814 schreibt Thoree-Burger, Ingres scheine den
Versuch zu machen, „de nous ramener au goüt de
la peinture gothique", das einzige, was der Kritiker
des Salon von 1819 vor dem fälschlich so genannten
Andromedabilde zu des Malers Lobe zu sagen weiss,
ist, dass man glauben könne, das Gemälde stamme
aus Peruginos Schule. Ein anderer fühlt sich durch
die aufragende Felsenschroffe, an die Angelica gefesselt
ist, an chinesische Malereien erinnert, Charles
Lenormant spricht in seinem Salon von 1834 bei
dem Symphorionbilde von manirierter, verzerrter
Gesichtszeichnung, von platten Nasen, von chinesisch
geschlitzten Augen, ja, was am ernstesten zu nehmen
ist, noch in der klassischen Einleitung zu dem Salon
von 1846 greift Thoree-Burger auf die raffinierten
Primitiven aller Zeiten, auf Inder, Chinesen, Aegyp-
ter und Etrusker zurück, um den eigenen Reiz von
Ingres' Stil zu erklären. Wir bedürfen solcher Hilfskonstruktionen
nicht mehr, aber es ist gut, sich daran
zu erinnern, zu was für Kombinationen die
gleichzeitige Kritik sich durch die Eigenart des Stiles


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