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Thomas Lawrence.
1769—1830.
MIT ihren berühmten Freunden, den Thrales,
unternahm die unübertreffliche Plauderin
Fanny Burney anfangs April 1780 eine Reise nach
Bath, auf der sie sich am Abend des dritten Tags
im Gasthof von Devizes zum Kartenspiel hinsetzten.
Da erstaunten sie höchlichst im Nebenraum das
Klavier gespielt zu hören, mit einer Vollendung,
wie sie es in einem Landwirtshaus nicht erwartet
hätten. Kaum waren die Karten zum andernmal
gegeben, als im Nebenzimmer nun auch Gesang ertönte
, der sie noch mehr überraschte, und „Mrs.
Thrale daher bestimmte," — so schreibt Fanny
an ihre Schwester — „in Erfahrung zu bringen, von
„wem er herrühre. Sie klopfte an die Tür des
„Zimmers. Ein sehr schönes Mädchen, ungefähr
„dreizehn Jahre alt, mit prachtvollem, dunklem Haar
„über einer feingeformten Stirn, öffnete. Mrs. Thrale
„entschuldigte ihr Eindringen, aber das arme Kind
„errötete nur und zog sich in eine Ecke des Zimmers
„zurück; ein anderes Mädchen, jedoch, trat vor, lud
„uns verbindlich und höflich ein näher zu treten
„und bot uns allen Stühle an. Sie war eben sechzehn
geworden, ausserordentlich hübsch, der Ausdruck
besser als die Züge im einzelnen, wenngleich
diese auch schon gut genug waren. Mrs.
„Thrale machte ihr viele Komplimente, die sie mit
„einem Gemisch von Bescheidenheit und Gefallen
„annahm, das ihr sehr gut stand und interessant war.
„Sie war, fürwahr, ein reizend angenehmes Wesen."
„Es stellte sich heraus, dass beide die Töchter
„unsrer Wirtin waren, in Devizes geboren und er-
„zogen. Sie gefielen uns ausnehmend und wir verteilten
lange, mir noch nicht lang genug, bei ihnen.
„Aber obwohl diese hübschen Mädchen uns schon so
„sehr aufgefallen waren, sollte sich das eigentliche
„Wunder dieser Familie erst noch zeigen. Dies war
„ihr Bruder, ein ganz entzückender Knabe von zehn
„Jahren, der nicht nur das Wunder dieser Familie,
„sondern der ganzen Welt zu sein scheint, dank
„seiner erstaunlichen Fertigkeit im Zeichnen. Sie
„behaupten, dass er nie Unterricht gehabt habe,
„zeigten uns dabei einige seiner Arbeiten, die wirklich
„prächtig waren. Diejenigen darunter, die Kopien
„waren, waren tadellos; seine eigenen Erfindungen
„erstaunlich, wenn auch weit geringer. Ich ward
XI. 12. —
„in gleicher Weise von dem Knaben und von seiner
„Kunst gefangen genommen."
„Dieses Haus war mit Büchern, ebenso wie mit
„Gemälden, Zeichnungen und Musik gefüllt; und
„die ganze Familie scheint nicht nur klug und Reissig
„zu sein, sondern auch liebenswürdig, wozu noch
„kommt, dass sie alle auffallend schön sind."
Der Name dieser Gastwirtsfamilie lautete Lawrence
und das Wunderkind war der nachmalige berühmte
Sir Thomas. Schon fünf Jahre zuvor, als
der spätere Lord Kenyon durch Devizes kam, wurde
der fünfjährige Knabe von seinem Vater, — der begreiflicherweise
seinen Schatz gern zeigte, — auf
einen Stuhl gehoben und musste Kenyons und dessen
Gemahlin Bildnisse mit dem Bleistift zeichnen, die
beide als sehr ähnlich erkannt wurden. Und beinahe
im selben Monat wie Fanny Burney erzählt
D. Barrington über den kleinen Thomas, „dass er
„innerhalb sieben Minuten ein sprechend ähnliches
„Bildnis eines jeden Fremden zeichnen könne, im
„Kopieren meisterhaft sei, selbst aber auch überraschende
Kompositionen, vornehmlich eine ,Petri
„Verleugnung', geliefert habe."
Bei manchem Künstler ist fast das interessanteste,
was man von ihm berichten kann, eine Erzählung
seiner äusseren Erlebnisse. Selten trifft es sich,
dass diese Erzählung zugleich den Schlüssel zur Erklärung
seiner Kunst in dem Masse bietet, wie bei
Lawrence.
Von Jugend auf liegen zwei Kräfte seines Lebens
im Wettstreit: die Intelligenz, die ihn zum Wunderkind
stempelt und der äussere Erfolg, welcher ihm
die innere Entwicklung gefährdet. Schon mit sieben
Jahren hat ihn Sherwin porträtiert und gestochen.
Man bedenke, was das im Jahr 1776 heissen wollte,
ein gestochenes Bildnis von sich in der Welt umlaufen
zu wissen. Mit zehn Jahren wurde er bereits
wieder von dem bekannten Maler Prince Hoare
porträtiert. Der Name des Knaben, der vierzehnjährig
zu Bath eine berühmte Tagesschönheit, eine
Miss Shakspere, im Theater sah und dann zu Hause
aus dem Gedächtnis ein überzeugendes Pastellbildnis
von ihr malte, musste in aller Leute Mund
kommen, und wenn in einem Menschenkind je die Eitelkeit
erweckt wurde, so muss es in ihm gewesen sein.
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