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Doch nicht in dieser Richtung scheint jener
allzufrüh erworbene Ruhm ihn hauptsächlich geschädigt
zu haben. Er machte ihn zeitlebens für
die Anbetung besonders empfänglich, steigerte den
Wunsch nach äusserlicher und weitverbreiteter Anerkennung
bei ihm ins Ungemessene, rief wohl auch
eine krankhafte Angst vor feindseliger Kritik in
ihm hervor, doch tötete er durchaus nicht jene
kluge Selbsterkenntnis, die die sicherste Stütze seines
grossen Talentes bildete.
Es ist merkwürdig, dass diese warnende, selbstkritische
Stimme sich schon dem Kind gegenüber
äusserte. Mit acht Jahren wurde der kleine Thomas
einst mitgenommen, als man Corsham House besichtigte
. Ueber die prächtige Einrichtung in Erstaunen
versetzt, hatte man ganz das Kind vergessen:
endlich fand man es, stumm, vor einem Rubens
stehend. Als man den Knaben wegzog, seufzte er
und sagte: „Ach! so werde ich nie malen können."
Und wiederum, als er unbestritten der erste, lebende
Bildnismaler Europas war, dem lieber als ihren
nationalen Künstlern fremde Herrscher ihre Wiederholungsbestellungen
gaben, klang aus seinen Briefen
wohl die Freude über seine Erfolge heraus, nie aber
die leiseste Selbstüberhebung. Alle Zeitgenossen
und Vorgänger nannte er stets mit einer gewissen
Scheu und halbverlegenen Hochachtung.
Der eine Hauptschaden, den ihm seine Frühreife
zufügte, lag vielmehr darin, dass sie die Veranlassung
gab, ihn sogleich zum Ernährer, Geldverdiener
zu machen. Fast jeder Mensch lebt einen
Teil seiner Jugend sich selbst: dieses Kind erhielt
nicht einmal eine geregelte allgemeine Bildung und
überhaupt keine künstlerische! Sein Vater war
der Meinung, dass das Genie der Belehrung ent-
raten könne und da er selbst in Nöten war, setzte
er das Genie seines Sohnes sofort in greifbare
Werte um. Von 1782 an zeichnete der jugendliche
Künstler Pastell- und Kreidebildnisse in derartiger
Anzahl und Ueberhastung, dass an eine fachmännische
Ausbildung seines Talentes gar nicht zu denken
war. Das Jahr 1786 war herangekommen, ehe er
überhaupt zum erstenmal nach Pinsel und Oel-
farbe griff.
Der andere Hauptschaden war, dass der Jüngling
, eben weil vornehme Herrschaften ihm gegenüber
die Rolle des Gönners übernehmen konnten,
aus seinem natürlichen in einen gekünstelten Kreis
hinausgehoben wurde, der von anderen Anschauungen
erfüllt war und dessen äussere Vorzüge ihn
wohl verlocken konnten, dessen innere Schwächen
seiner Unerfahrenheit aber verborgen bleiben muss-
ten. Hätte das Schicksal mit rauherer Hand in sein
Leben hineingegriffen, so hätte er wohl die Welt
mit ihrer höchsten Sehnsucht kennen lernen können.
So führte es ihm nur die „feinere Gesellschaft" als
Ideal vor. Als sozialer, geistiger und moralischer
Emporkömmling hat er sich in ihr eine Rolle zu
verschaffen gewusst. Die Wohlanständigkeit in der
Gesinnung und in den Manieren, mit einem starken
Schuss energieloser Eleganz, blieb bei ihm wie in
jener vornehmen Welt, das ne plus ultra. George IV.
soll sich über Lawrence geäussert haben, „er ist
der vollendetste ,Gentleman' in meinem Reich".
Was die gute Gesellschaft sich auf Grund ihres
ererbten Besitzes erlauben konnte, die Verachtung
der Realien des täglichen Daseins, gestattete sich
Lawrence auch und er stand zeitlebens vor dem
Bankrott, trotzdem er unglaublich viel verdiente
und trotzdem er weder Spieler, noch Verschwender,
noch auch sonst in irgend welcher Weise leichtsinnig
war. Es war eben nur, dass er nicht mit
den Mitteln dieser Welt haushalten konnte. Statt
um die Sorgen des Tags, hatte er sich um die Eigenart
der Vornehmen gekümmert. Was diesen heilig
war, galt ihm als Evangelium. Er hat wohl ganz
unbewusst nach diesem Ruf des ,Gentleman' gestrebt
und es war nicht ein bürgerlich-moralischer
Defekt, der ihn zu Zeiten saumselig und träge
werden Hess. Lord Downe beschwerte sich darüber
, dass Lawrence nun schon nicht weniger als
acht Jahre an seinem Bildnis male. Noch ärger
war der Fall einer Dame, die bitterböse in Lawrences
Atelier stürmte, um ihr Bildnis zu verlangen
, das er bereits vor zwanzig Jahren — beinahe
vollendet hätte. Sir Thomas holte die Leinwand
hervor, fiel selbst in Erstaunen über die
„sprechende Aehnlichkeit", und die Dame, der der
Künstler den angenehmen Glauben beigebracht
hatte, dass zwei Jahrzehnte spurlos an ihr vorübergezogen
seien, entfernte sich wieder mit holdseligem
Lächeln an Stelle ihrer vorherigen Wut. Mit derartiger
Kavaliersschöntuerei beschwichtigte er seine
Klientinnen. Als einer seiner Brüder ihn, der die
grosse Familie samt und sonders seit seinem zehnten
Jahr fast allein erhalten hatte, wieder einmal um
ein Darlehen anging, schrieb unser Künstler ihm
ab, weil er selbst mittlerweile in grosse Geldverlegenheit
geraten war. Die Ueberschrift seines
Briefes lautet: „My dear Sir", der Schluss: „I am,
dear Sir, your sincere friend and brother". Man
könnte das übersetzen etwa mit: „Sehr geehrter
Herr!" und „womit ich verbleibe, mein sehr verehrter
Herr, Ihr aufrichtiger Freund und Bruder!"
Darin lag keine gezwungene Geziertheit. Sein Sinnen
und Handeln hatte er allmählich ohne sich im einzelnen
Rechenschaft zu geben, auf diesen eleganten
Ton gestimmt. Eine Dame schrieb über ihn: er
konnte keine einfache Einladung zum Mittagessen
beantworten, ohne dass etwas wie ein Billet-doux
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