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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/das_museum_05/0063
Ein Meisterwerk altägyptischer Kunst.

(Die Kuh von Der-el-Bahri.)

MAG die ägyptische Kunst während der langen
Periode ihrer Entwickelung und ihres Bestehens
von aussen mehrfach nicht unwesentlich be-
einflusst worden sein, und mag auch sie ihrerseits
wieder auf die Kunstentwickelung gleichzeitiger Völker
entscheidend eingewirkt haben, sie ist doch zu
allen Zeiten etwas Apartes geblieben, etwas ausserhalb
und abseits Stehendes, und sie ist so scharf
begrenzt, dass wir weder ihre Wurzeln ausserhalb
ihrer Heimat zu suchen haben, noch durch ihre
Ausläufer aus dem Nillande hinaus geführt werden.
Oertlich scharf begrenzt, ist sie auch ihrer Eigenart
nach scharf umrissen, sie trägt ihr eigenes Gepräge,
ihren eigenen Charakter, so ausgesprochen und unverkennbar
, dass die ägyptische Kunst lange Zeit
als eine unwandelbar sich stets gleich bleibende
Kunst angesehen worden ist, ohne Entwickelung,
ohne Werdegang, die streng und starr durch Jahrtausende
hindurch dieselben Formen wiederholt, der
die Sache alles ist, die eine sich ändernde Kunstempfindung
oder gar eine Individualität des Künstlers
überhaupt nicht kennt.

Heute wissen wir, dass auch die ägyptische
Kunst, getragen von den stets wechselnden Zeitverhältnissen
, eine — wenn auch nur langsame Entwickelung
durchgemacht hat; wir sehen, wie sie entstanden
ist und zur Blüte gereift, wie sie infolge
des veränderten Zeitgeschmackes sich wandelt und
modelt, wie sie sinkt und sich zu neuer Höhe emporrafft
und schliesslich entartet und erstirbt. Und doch
wird ein Laie, und mag er ein noch so aufmerksamer
Beobachter sein, wenn er eine der reichhaltigen
Sammlungen ägyptischer Altertümer durchschreitet
, immer den Eindruck gewinnen, dass alles
das zeitlich ganz gut einer und derselben Periode
angehören könnte. Er wird überrascht sein im einzelnen
, sich freuen an den z. T. staunenswerten
Leistungen der ägyptischen Künstler, und die eminente
Technik bewundern, die keine Schwierigkeiten
kennt; die frische Naturbeobachtung, die zu der
ganzen Art so wenig zu stimmen scheint, die flotte
ausdrucksvolle Darstellung des Lebendigen, und
dann wieder die naive, fast kindliche Art des Erzählens
werden ihn bei den einzelnen Kunstwerken
immer wieder fesseln, aber das Werden und Wach-

XI. 14.

sen der ägyptischen Kunst wird er schwerlich empfinden
, und infolgedessen zu einem inneren Verhältnis
zu den Dingen wohl kaum gelangen.

Nur ein nach dieser Seite hin besonders geschultes
Auge ist imstande die feinen Unterschiede
im Stil bei den Werken der ägyptischen Kunst zu
erkennen — und einstweilen doch auch nur in allgemeinen
grossen Zügen. Noch sind wir, wenn wir
die Architektur ausser acht lassen, nicht imstande
irgend eine lokale Kunstrichtung sicher zu unterscheiden
und herauszuheben, oder einen bestimmten
Stil um eine Persönlichkeit zu gruppieren, wie wir
in der griechischen Kunst z. B. vom Kreise des
Phidias, des Lysipp oder der pergamenischen Schule
reden. Zu einer solchen Präzisierung sind wir noch
längst nicht tief genug in das Wesen der ägyptischen
Kunst eingedrungen und kennen noch viel zu wenig
ihre Entwickelung und ihre Wandelungen. Vielleicht
liegt es an der noch zu geringen Schulung
unseres Auges, vielleicht mehr noch daran, dass das
uns vorliegende Material noch zu gering ist; denn
wenn wir die gewiss grosse Anzahl ägyptischer
Kunstwerke, die uns erhalten geblieben sind, auf
drei Jahrtausend verteilen, wie wenig entfällt auf
den kleinen Zeitraum, wie ihn eine besondere Richtung
für sich beansprucht, oder wie er durch den
Einfluss eines einzelnen Künstlers und seiner Schüler
sein Gepräge erhält. Und der grösste Teil des
Materials gehört überdies noch der höfisch-hieratischen
Kunst an, die in ihrem konservativen Charakter
uns ein getreues Bild der ägyptischen Kunstentwickelung
zu geben nicht imstande ist, da sie,
eingeengt nach allen Seiten, am allerwenigsten sich
frei entfalten konnte. Von der Kunst, die weder
vom Hofe des Königs noch von der Priesterschaft
abhängig schafft, der sogenannten Volkskunst —
nicht im Sinne von Bauernkunst — wissen wir
noch wenig. Dass es neben der offiziellen eine
solche freiere Kunst gab, ist trotz der gewaltigen,
fast alleinigen Rolle, die Palast und Tempel im Nillande
spielten, nicht zu bezweifeln. Ein wirklicher
Künstler schafft nicht immer und ausschliesslich
„im Auftrage" und um Anerkennung Höherer oder
ums tägliche Brot, unter dem Zwange seiner Phantasie
entsteht auch manches Werk, das seinem

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