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Federigo Barocci.
UNSER wachsendes Verständnis für die Kunst
des Barock, für die innere Berechtigung und
das eigentümliche Wesen dieses Stiles bringt selbstverständlich
manche Verschiebung früherer Ansichten
hervor. Jemehr die Forschung in die Beweggründe
des Wandels und damit in die Anfänge des Neuen
eindringt, desto wichtiger wird ihr auch der Künstler,
der uns heute beschäftigen soll. Abseits in seinen
Bergen zumeist, ist Federigo Barocci von Urbino doch
früh mit den Regungen des Neuen in Rom vertraut
geworden. Zwischen Michelangelo und Rubens
ist kaum ein Maler von solchem Belang für den
Fortschritt auf diesem Wege. Er darf in der Entwicklungsgeschichte
des Barock nicht fehlen, ja er
leitet in manchen Bestrebungen, seiner letzten Lebenszeit
besonders, zum Rokoko hinüber, obgleich er
schon 1526 geboren und 1612 gestorben ist.
Bei dem eigenen Vater, dem Reliefbildner und
Stempelschneider Ambrogio Barocci empfing er die
ersten Grundlagen, wie so manche berühmte Meister
in der Goldschmiedswerkstatt aufwuchsen. Die nächsten
Verwandten mütterlicherseits sind Girolamo
Genga und sein Sohn Bartolommeo; sie mussten auf
die weitere Entwicklung entscheidenden Einfluss gewinnen
. Wenn der jüngere auch mehr Architekt war,
so half doch die Kenntnis der Perspektive, die er vermittelte
, zur Ueberlegenheit in solchen Dingen der Malerei
, und die mannigfaltige Anschauung des in Florenz
und Oberitalien herumgewanderten Mannes erweiterte
den Gesichtskreis seines Schützlings daheim. Noch
unmittelbarer freilich muss die Erbschaft des Malers
Girolamo Genga, sei es auch nur in Zeichnungen
und Vorstudien zu den hier und da verstreuten
Werken, dem angehenden Nachfolger zugute gekommen
sein. Wer das Gemälde des alten Genga mit
der Auferstehung Christi in der obern Kapelle von
Sta. Caterina in Via Giulia zu Rom kennt, vermag
sich angesichts eines solchen Beispiels von dem
Schatz der Vererbung einen Begriff zu bilden, der
schon recht inhaltsreich heissen darf. Er wird in
dem Kraftsausbruch beim befreienden Aufschwung
des Siegers über den Tod, mit seinen nackten Engeln
um sich her, — in dem Sturmwind, der über die
Fahne der Wachtmannschaft wirbelt und ihren
Träger ins Schwanken bringt, in der Flucht des
XI. 15.
jungen Burschen nach rechts und dem Eifer des
aufgeschreckten Kriegers, der nach links daherjagt,
um die vorn schlafenden Gefährten zu wecken, den
Versuch erkennen, eine Bewegung aus der Tiefe
darzustellen, die zugleich den Aufstieg zur Höhe
mit erklären soll. Bei der Gebundenheit an ruhigen
Aufbau der Gestalten im Bildraum kann es natürlich
nicht gelingen, diese Körper des Vordergrundes
mit fortzureissen. Indes wir verstehen doch Wunsch
und Willen des Urhebers als eines Vorboten des
Strebens, dem Federigo Barocci dann lange Jahre
seines vollsten Gelingens gewidmet hat.
Bartolommeo Genga hat den jungen Genossen zu
Giambattista Franco getan, als dieser venezianische
Nacheiferer Michelangelos 1546 nach Urbino berufen
ward, um die Wölbung des Domchores mit einer
Himmelfahrt Marias auszumalen. Dies Werk ist
beim Einsturz der Kuppel 1789 mit zugrunde gegangen
. So sind wir auf Vasaris Bemerkungen, der
es kurz nach der Vollendung sah, allein angewiesen.
Aber in der Sakristei des jetzigen Domes gibt es
noch andre Gemälde von Battista Franco. Lanzi
erwähnt ein Altarbild mit der Madonna zwischen
Petrus und Paulus, als vom besten florentinischen
Stil, im Dom. Die gestreckten Körper dieser Apostelfürsten
mit bauschigen Faltenlagen um die Hüften
wirken noch am Anfang der siebziger Jahre bei Federigo
Barocci nach, z. B. beim Joseph im Presepe für
Madrid. Und die kleinern Bilder Francos, unter denen
sich auch eine Auferstehung hervortut, helfen den
Charakter des Erstlingswerkes begreifen, das uns der
Gewährsmann Belloris bezeugt: die hl. Cäcilia mit
vier andern Heiligen, die man doch sicher nur aus
Hochachtung vor dem Namen Barocci auch im neuen
Dom wieder auf ihrem Altar aufgestellt hat, für den
sie im alten geschaffen war. Das Bild sei im An-
schluss an Rafael gemalt, fügt der Zeuge bei, und
für Cäcilia selbst mit dem Engelkonzert im Himmel
gilt dies ohne Zweifel: nur stand dem zweiten Ur-
binaten damals nicht der Anblick des Originals
zur Verfügung. Katharina und Magdalena vorn, denen
hinten rechts Augustin und links Johannes gesellt
sind, zeigen aber die nämlichen langgestreckten Proportionen
und verschränkten Stellungen, wie jene
biblischen Kompositionen Francos in der Sakristei.
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