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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/das_museum_05/0068
Selbst die Ungleichmässigkeit in der Farbe zwischen
der lebhaft kolorierten Hauptfigur und ihren ver-
blasenen Begleiterinnen fällt ebenso an dem Altarbilde
des Lehrers auf: die Madonna ist florentinisch
bunt gehalten, die beiden Trabanten vorn wie Rahmenfiguren
gedämpft. Solche Unstimmigkeit war auch
Vasari an der Himmelfahrt Marias in Fresko aufgefallen
. So werden wir dem Zeugnis Pompilio
Brunis gemäss die Cacilia schon als frühe Leistung
Baroccis selber, vor 1550 noch, annehmen müssen.

Um endlich Originale Rafaels selber zu studieren,
ging er dann nach Rom. Aber es konnte nicht
ausbleiben, dass trotz diesem Eifer der Verehrung
die zeitgenössische Landsmannschaft den Ankömmling
in ihre Kreise zog. Taddeo Zuccaro ist der
unverkennbare Vermittler. Und wer von Battista
Franco herkam, musste auch in den Bann Michelangelos
geraten. In der eigentümlichen Verbindung der
Elemente von Giulio Romano, Giovanni da Udine,
ja Polidoro da Caravaggio mit seiner dekorativen
Fassadenmalerei und ihrem antikischen Beiwerk,
liegt der Hauptinhalt dieser Studienjahre, und manches
Bravourstück Zuccaris wird berückend dazwischen
gewirkt haben. Schon im Januar 1556 ward
jedoch dem jungen Meister in Urbino ein nächstes
Altarbild bezahlt: es war die hl. Margarete im Kerker,
wie sie mit dem Kreuz in der Hand über dem Drachen
aufblickt und durch zwei Engel der Glorie des Himmels
ansichtig wird. Das Werk in der Confraternitä del
Corpus Domini ist nicht mehr vorhanden.

Schon das folgende Werk, der 1557 bestellte
Altar mit dem Martyrium des hl. Sebastian und der
auf dem Feigenbaum erscheinenden Madonna, eignet
sich jedoch vollends, das damalige Kunstvermögen
Baroccis zu charakterisieren. Hier leuchtet sofort
ein, dass er über die Bildanschauung der Hochrenaissance
hinausstrebt. Obwohl die Wahrscheinlichkeit
des Vorgangs einen weiteren Abstand der
Bogenschützen von ihrem Ziel erfordert, sind im
schmalen Hochformat dieses Bildes alle Hauptpersonen
unten zusammengedrängt. Hier springt dem
Beschauer der Bogenschütze rechts in angespannter
Drehung seiner Glieder entgegen, wenn auch nur
vom Rücken gesehen und ebenso abhängig von dem
schlanken, nach beiden Seiten ausgreifenden Jüngling
in der Mitte, wie der thronende Befehlshaber links,
dessen Richterstuhl etwas nach einwärts geschoben
ist. Von der stärksten Herausforderung unsres
eigenen Körpergefühls und Tastempfindens angesichts
der muskulösen Formen steigt die Reihe nach
links empor, und trotz der zentralen Anordnung
waltet Reliefauffassung, an beiden Rändern stark
herausschwellend. Der Feigenbaum breitet seine
Zweige schräghin über die Umstehenden, die er
beschattet, und schräg gleitet das Bein Madonnas

hernieder, während das Kind auf der andern Seite
nach oben strebt, von spielenden Kindern auf der
Wolke begleitet. So füllt sich die Vorderfläche im
Aufstieg hin- und wiederkehrend. Nur ein Ueber-
gewicht des oberen Teiles dürfen wir nicht erwarten,
solange die realistische Durchführung der Untensicht
und das Sitzen auf der Spitze des Baumes nicht verlassen
ward. Dazu reicht die Freiheit des jungen
Meisters noch nicht. Es galt zunächst, die gewohnte
Reliefkomposition in Bewegung zu bringen, und die
ruhige Anschauung der Körper innerhalb ihres
klar entwickelten Schauplatzes, wie die Hochrenaissance
sie gewollt, durch entgegendringendes Ge-
woge der Formen über den Rand des Rahmens hervor
oder längs dieser Fassung hinauf zu überwinden.
Damit werden die angeschauten Dinge aktiv, aber
nicht allein unter sich, in der eigenen Sphäre, sie
werden aggressiv, auf das Subjekt des Betrachters
gerichtet und zwingen es zur Beteiligung an dem
Vorgang, als wäre da ein Stück von ihm.

Das nämliche künstlerische Problem beschäftigt
den Maler ebenso in den folgenden Jahren, als er

1560 abermals nach Rom gegangen war. Mit Federigo
Zuccaro und Pierleone Genga aus Acqualagna hat er

1561 bis 1563 die Deckengewölbe im Gartenhaus
Pius IV geschmückt. In den Uffizien zu Florenz
sind zwei Skizzen auf einem grossen Blatte für die
Gesamtdekoration der Wölbung ausgestellt (Nr. 907).
In den Mappen derselben Sammlung habe ich
auch den Entwurf zum Mittelstück der ersten Decke,
dem Breitbild der hl. Familie gefunden, die Bellori
sehr ungenügend beschreibt; und zwei oder drei
herrliche Vorbereitungen zu den Tugenden, die in
den Ecken neben den Inschrifttafeln sitzen, mit
wappenhaltenden Putten über ihren Köpfen, — besonders
schön aber zu der einen, bei Bellori nicht
genannten, neben dem rechteckigen Bilde der Taufe
Christi an der Längswand rechts vom Eingang.
Hier gehören Barocci sicher auch die nackten Kinder
im Fries, wie das quergelegte niedrige Breitbild mit
Christus und der Ehebrecherin oben, und ovale
Rahmen mit liegenden Gestalten unten, während an
der linken Seite, wenigstens in der farbigen Ausführung
, abweichende Eigenschaften hervortreten. Ausser
den geschmeidigen, weichen Einzelgestalten der Tugenden
, die doch eigentlich nur ihrer Schönheit wegen
da sind, gewährt vor allem das Deckenbild im rechteckigen
Stuckrahmen den Aufschluss, den wir suchen:
Rechts steht als Eckpfeiler die muskulöse Gestalt
des Joseph gegen ein Säulenpostament gelehnt. Links
drängt Elisabeth mit ihrem Knaben auf die Mittelgruppe
zu, an einer hellen Brüstung vorbei, über die
Zacharias hereinschaut, So heben sich die farbigen
Körper heraus und werden zu Trägern der fort-

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