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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/das_museum_05/0076
alles ist munter und sorglos, alles ist jugendlich und
festlich.

Noch mehr ins Auge fallend wird der Gegensatz
, vergleicht man das Selbstbildnis Peruginos in
der Wechslerhalle in Perugia und die Kunst Peruginos
: dieser Spiessbürger, wohlgenährt und selbstzufrieden
wie ein Bäckermeister in wohlhabenden
Verhältnissen, — als Künstler schildert er in beständiger
Wiederholung den Kummer der Heiligen unter
dem Kreuze, Jammern um den Leichnam des Erlösers
. Wenn Pinturicchio uns Bilder aus dem Leben
des Erlösers gibt, führt er uns sehr selten nach
Golgatha und zum Grabe; er wählt am liebsten
Idyllen um den Neugeborenen oder schildert den
gen Himmel fahrenden in einer Engelglorie. Selbst
die Legenden der Märtyrer bildet er um zu Renaissancepracht
und -feier, wo es nur möglich ist. Aber
so erreicht er auch niemals den Höhepunkt süsslicher
Sentimentalität, welcher uns bei Perugino jedesmal
anekelt, so oft wir fühlen, dass er das Schildern der
tiefsten religiösen Gefühle als eine kalte Geschäftssache
genommen hat.

Während Perugino bei seinem wiederholten
Aufenthalt in Florenz, im Verkehr mit hervorragenden
Künstlern, sich viele der neueren technischen
Fortschritte aneignete, blieb Pinturicchio wesentlich
auf einem älteren Standpunkt, er vertauschte nicht
die Tempera- mit der Oelmalerei und hielt sich überwiegend
an die Freskotechnik. Auch das hat man
als eine Unvollkommenheit hervorgehoben. Aber
für uns, deren Sinn doch von Jahr zu Jahr, von Tag
zu Tag für die Schönheit der dekorativen Wirkungen
verschärft wird, fällt dieses nicht in die Wagschale
gegen ihn. Dass Pinturicchio so viel von der Jugendfrische
der Frührenaissance festgehalten hat, erhöht
vielmehr die Anziehungskraft seiner Kunst.

Im Stammbaume der Kunst Pinturicchios begegnet
uns, an der Seite Bonfigli's, zunächst Fiorenzo
di Lorenzo, den man nur in der Gemäldegalerie
Perugias kennen lernt; von seiner Auffassung und
Form ist die ganze Kunst Pinturicchios bis zum
letzten geprägt. Von weiter entfernten Künstlern
ist Benozzo Gozzoli besonders hervorzuheben. Es
ist nicht nur die Freude Gozzolis an der Landschaftsschilderung
, die sich auf Pinturicchio vererbt hat. Es
ist etwas von demselben Künstlergemüt in beiden;
dieselbe Lust an Gold und frohen Farben, dieselbe
unverzagte Keckheit, in einem liebenswürdigen Leichtsinn
zu erzählen, der sich gern bei der dekorativen
Schönheit beruhigt, ohne künstlerische Tiefen zu
suchen. — Für seinen Landsmann Benozzi Gozzoli hat
Vasari nichts wie Lob; deshalb empfindet man sein
Urteil über Pinturicchio doppelt ungerecht.

Stärkere Spuren von der Wirksamkeit Pinturicchios
treffen wir erst in der Sixtinischen Kapelle

zwischen den Jahren 1481 und 1483, als er gegen
dreissig Jahre alt war. Nicht wie Signorelli, Botti-
celli, Ghirlandajo, Perugino usw., von Sixtus IV.
persönlich berufen, in seiner neuen Hauskapelle
zu malen, arbeitete er dort für Perugino, als dessen
Mitarbeiter, für den Dritteil des Lohnes, und die
zwei — wesentlich selbständige — Fresken, welche
er ausgeführt hat: die Einsetzung der Beschneidung
durch Moses und das Gegenstück mit der Taufe des
Erlösers, sind bis vor kurzem unter anderen Namen
gegangen; beide müssen unbedingt zu den besseren
der älteren Fresken in der Sixtinischen Kapelle
gerechnet werden, — die doch alle zusammen die
gewaltige Kraft Michelangelos überschattet.

Zuerst hat Lermolieff-Morelli, der in so mannigfaltiger
Weise seine starke Autorität dafür eingesetzt
hat, die Ehre Pinturicchios wiederherzustellen
, seine Hand in diesen beiden Fresken erkannt
, obgleich Perugino, der ja die Verantwortung
trug, selbstverständlich auch seine Hilfe während
der Arbeit gegeben hat. In einem der Hauptmotive
der Beschneidung haben wir schon eine der
Idyllen Pinturicchios; es ist dies die Gruppe rechts
im Vordergrunde: Zippora mit dem kleinen Jungen
auf dem Schosse und das Weib, welches zusammengekauert
sitzt, beide Frauen so ganz bei der Sache,
so naiv beschäftigt in unbewusster Anmut. Doch
nicht ganz unbewusst; auch hier ist der unbewussten
Anmut ein wenig von der gesuchten Zierlichkeit zugesetzt
, welche unzertrennlich von einem so grossen
Teil der Kunst der Renaissance scheint.

Es dauerte nicht lange, bis Pinturicchio der am
meisten bevorzugte Maler Roms wurde, mit Arbeiten
überhäuft, so dass er selbst als Meister eine Schar
jüngerer Kräfte beschäftigen konnte.

Das Geschlecht Sixtus VI. della Rovere, sein
Nachfolger auf dem päpstlichen Stuhl Innozenz VIII.
Cibo, die Familie Bufalini aus Umbrien, mehrere
Kardinäle usw. Hessen ihn ihre Paläste dekorieren
oder ihre Familienkapellen rings in den Kirchen
Roms mit Fresken schmücken. In einer der Galerien
des Vatikans, im Palaste, welchen der Kardinal
Domenico della Rovere in der Nähe der Engelsburg
bauen Hess „Palazzo dei Penitenzieri" -, in
Santa Cecilia in Trastevere usw. finden sich noch
Reste seiner Fresken, mehr oder weniger mitgenommen
von der Zeit. In der Kirche Aracoeli auf dem
Kapitol und in Maria del Popolo können wir uns noch
heute an mehreren seiner besten Werke erfreuen,
zum Teil in ausgezeichnetem Zustande.

Seine glänzendste Zeit in Rom hatte Pinturicchio
unter Alexander VI. von 1492 bis 1503, in den ersten
Jahren, bevor der Papst durch seinen eigenen und
seines Sohnes Cesare Borgia Ehrgeiz von dem politischen
Strudel mitgerissen wurde.


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