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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/das_museum_05/0082
selbst in dieser jungen Frauengestalt haben, sehen
wir doch ohne Zweifel die Art ihrer Schönheit.
Wir sehen jedenfalls eins der am meisten hervortretenden
Frauen-Ideale der Renaissancezeit: das
Zarte in dem Strengen, das Anmutige in dem Abgemessenen
. Selbst der strenge Stil der Tracht
wird charakteristisch.

In einer Gestalt wie dieser und in mehreren der
Heiligen in demselben Zimmer, vor allen Dingen in
der Susanna, zeigt die Kunst Pinturicchios ihre
seelentiefste Eigentümlichkeit.

Ohne fehlerfrei in seiner Zeichnung zu sein, ohne
die Verhältnisse mit voller Sicherheit zu geben, versteht
er, von innen her, die Gestalt zu bewegen,
ihr etwas Unsagbares zu geben, etwas Leichtes wie
Schmetterlingsflug oder Schmetterlingsstaub.

Zwischen allen diesen mehr oder weniger tüchtigen
Statisten in dem glänzenden tableau vivant,
welches Pinturicchio rings um den Kaiserthron vor
dem Konstantinsbogen dargestellt hat, ist die Gestalt
der heiligen Katharina mit einer Diva zu vergleichen,
welche ihre Rolle mit ihrer eigenen Seele ausfüllt.

Es ist eine Ungerechtigkeit gegen Pinturicchio
allein seinen Wert als dekorativer Künstler hervorzuheben
. Sein Gemüt hat eine Empfindlichkeit, die
zuweilen etwas fast Nervös-modernes bekommen
kann, und gibt uns Gestalten von einer eigenartig
fesselnden Süssigkeit. Wollen wir in einem Sammelpunkt
die reicheste Vorstellung von der Eigenart
und Fähigkeit Pinturicchios haben, müssen wir zum
Appartamento Borgia gehen, nicht nach der Libreria
in Siena, welche so lange und von so vielen das
Hauptwerk Pinturicchios genannt worden ist. Diese
stolze Halle ist ein Fest für die Augen in ihrer
schönen Farbenwirkung und in ihren klaren, wohl
erwogenen Kompositionen; aber sie bietet nicht
eine einzige Gestalt in einem so von innen her
bewegten Leben wie diese Katharina im Appartamento
Borgia. Die Bilder in Siena aus dem Leben
Enea Silvio Piccolominis werden auf die Dauer durch
ihre handwerksmässige Fertigkeit ermüden. Es wirkt
komisch, wenn wir hören, dass gerade diese Fresken
für Pinturicchio zu gut sein sollten und in wesentlichen
Teilen dem „göttlichen" Raffael zu verdanken seien.

Im Saale Sancta Katharinas hat Pinturicchio am
meisten eigenhändig gearbeitet, während er in den
anderen Zimmern viel grössere Teile seinen Mitarbeitern
überlassen hat; besonders im Borgia-Turm
sinkt die Ausführung oft herunter ins Rohe und Handwerksmässige
. Aber eine reine Schnellarbeit ist sie
doch nicht gewesen. Die neueren Untersuchungen
scheinen entschieden zu beweisen, dass die Arbeit
nicht nur anderthalb Jahre in Anspruch genommen
hat, wie man früher gemeint hat, sondern dass sie
sich über drei volle Jahre, 1493, 94 und 95, ausgedehnt
hat; und im „Saale der Päpste", welcher noch
um diese Zeit eine flache Decke hatte und nicht
wie später eine Wölbung, hat Pinturicchio wahrscheinlich
gar nicht gemalt, oder es ist jedenfalls sehr
wenig gewesen.

In den Jahren während Pinturicchio damit beschäftigt
war, das Appartamento Borgia zu schmücken,
scheint man die antike Wandmalerei in den römischen
Thermen und Palästen entdeckt zu haben. In
einer Schilderung in Versen von 1495 hören wir davon
, wie die Künstler sich mit Leib und Seele auf
dieses neue Studium warfen. Sie rüsteten sich mit
Lebensmitteln aus und lebten ganze Tage zwischen
Fledermäusen, Eulen und Kröten in den unterirdischen
„Grotten"; der eifrigste von ihnen bekam den
Zunamen „der Tote": Morto da Feltre, möglicherweise
einer der Mitarbeiter Pinturicchios im Appartamento
Borgia.

Diese Begeisterung und diese Studien fanden
sofort in den „Grotesken" einen künstlerischen Ausdruck
, ein Wort, welches schon Benvenuto Cellini
von den unterirdischen Grotten in den römischen
Ruinen ableitet; und der neue Geschmack endete
damit, die dekorativen Stilprinzipien umzuformen.

Die Frührenaissance hatte in ihrem dekorativen
Rahmenwerk sich streng an die architektonischen
Linien gehalten, und die stilgestrenge Einfassung
der monumentalen Fresken war in der Regel eine
gemalte Nachahmung von Steinskulptur.

Die eigentliche Groteske war von vornherein
von allem, was architektonische Strenge und konstruktives
Gesetz heisst, losgelöst. Sie hat den
ungebundenen Leichtsinn der römischen Kaiserzeit
geerbt und tummelt sich mit allen Formen in einem
wilden, oft graziösen Phantasiespiel.

Und sie ist anspruchsvoll in ihrem Leichtsinn.
Sie begnügt sich nicht bescheiden damit, Rahmenwerk
zu sein, sie drängt die monumentalen Fresken aus
ihrer Herrscherstellung heraus, um selbst sich über
grössere und grössere Flächen breit zu machen.

Die Führerstellung in dieser Entwicklung, welche
ihren Einfluss bis zum Rokoko und über das Rokoko
hinaus geübt hat, scheint dem Hofmaler des weltlichen
und üppigen Papsttumes zuzukommen: die
Groteske war wie geschaffen für das leichte Künstlergemüt
Pinturicchios.

Man hat das Appartamento Borgia die Wiege
der Groteske genannt. Hier hat die Groteske ihren
zarten und gehaltenen Anfang.

In einer Reihe von Zimmern, welche Pinturicchio
unmittelbar danach in der Engelsburg ausschmückte
— im Kastell selbst, nicht im Gartenturm
—, soll er nach dem, was Vasari mitteilt, überwiegend
seinen Dekorationsstil auf der Groteske
aufgebaut haben.


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