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Eines der ersten Male, dass wir in einer schriftlichen
Urkunde auf das neue Wort stossen, ist in
dem Kontrakt, welchen Pinturicchio 1502 mit Kardinal
Francesco Piccolomini abschloss, später Papst
Pius III. für die Libreria in Siena. Es wird hier
ausdrücklich hervorgehoben wie ein neues Wort für
eine neue Mode.
Seine schönste Probe eines Dekorationsstils,
der sich aufbaut auf einen mehr zurückhaltenden
Gebrauch der Groteske, hat Pinturicchio uns in
dem Chorgewölbe in Maria del Popolo gegeben,
welches er für Julius II. ausmalte. Ihre Hauptstärke
hat diese Wölbung in der reichen und harmonischen
Farbenwirkung. Die Raumeinteilung
ist dagegen schmächtig, und die Groteske ohne
grösseren Reiz. Raffael und seine Schüler erreichten
bald ganz anders schöne Verhältnisse und
Formen.
Die Glanzzeit des Appartamento Borgia war kurz.
Die sieben Frauengestalten, welche die „freien Künste"
darstellen, sahen zwei Päpste zur Leichenparade gekleidet
werden, zuerst Alexander VI. und einige
Monate später Pius III. Piccolomini. Dann zog
Giuliano della Rovere als Julius II. in dieselben
Räume ein. Aber er ertrug es nicht lange, Aug'
in Auge mit dem Bildnis seines alten Nebenbuhlers
zu leben, unter der laut tönenden Prunksucht des
Borgiageschlechtes. Er zog in die oberen Zimmer
hinauf, welche er Raffael — Pinturicchios jungen
Freund — mit seinen weltbekannten Fresken
schmücken Hess.
In Pinturicchios Appartamento Borgia und in
den Stanzen Raffaels hat die Malerei wie in einem
Akkompagnement den Gegensatz in der historischen
Stellung der zwei Kirchenfürsten hervorgehoben.
Dort unten baute Rodrigo Borgia ein warmes Nest
für sich und seine Kinder, während er mit dem Eigentum
der Kirche schaltete wie mit einer Privatdomäne.
Oben in der stanza della segnatura sehen wir Julius II.
grübelnd über seinen Plänen sitzen, lebendig wie er in
dem genialen Porträt Raffaels geschildert ist. Während
er mit seinem eisernen Willen arbeitet, um zu sammeln,
was Borgia verstreut hat, den kirchlichen Staat wieder
zu errichten und die Weltmacht der Kirche zu
stärken, erklärt von Wölbungen und Wänden — in der
Disputa, im Parnass, in der Schule von Athen - - die
Bilderkunst, monumental mächtig, weltgeschichtliche
Gedanken: zusammengefasst die Altertumsbegeisterung
der Renaissance und die Weltherrschaft des
Christentums, den Sieg aller Wissenschaften und
Künste unter dem Christentum und unter der Obhut
der Kirche. —
Vergleichen wir den Künstlerrang Pinturicchios
auf Grund des Bildnisses Alexanders VI. mit der
Schilderung Raffaels von Julius IL, dann wird Pinturicchio
ein kleiner Künstler.
Aber wir lieben Pinturicchio, selbst wenn er
nicht Raffael ist.
Andreas Aubert.
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