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ERLAUTERUNGEN
1. Bernaert van Orley: Bildnis des Kaisers Karls V. Das in
den 90er Jahren für die ungarische Galerie erworbene, aus der
Sammlung Ollingworth-Magniac stammende Porträt ist von
grosser historischer Bedeutung als bestes bekannt gewordenes
Jugendbildnis Karls V. Dem Aussehen des 1500 geborenen
Prinzen nach muss das Porträt bald nach 1515 entstanden
sein. Man weiss, dass Bernaert van Orley, der 1518 Hofmaler
der niederländischen Statthalterin Margarete von Oesterreich,
der Tante Karls, wurde, den jugendlichen Fürsten schon 1515
und 1516 porträtiert hat. Dem Stil nach stimmt unser Bildnis
wohl überein mit beglaubigten, etwa gleichzeitigen Arbeiten
des Brüsseler Malers. Bemerkenswert ist die freie und
kühne Bewegung und Haltung. Der ehrgeizige junge Meister
war bestrebt, sich von dem steifen Typus des Repräsentationsporträts
zu entfernen. Von den vielen Porträts fürstlicher
Personen, die Orley, wie wir aus Urkunden wissen, geschaffen
hat, ist dies Porträt des Kaisers das einzige sicher im Original
erhaltene.
2. Philipp Otto Runge: Die Hülsenbeckschen Kinder (1805
bis 1806). Vor dem weissen Gartenzaun in der hamburgischen
Vorstadt Eimsbüttel ziehen das Töchterchen und der
ältere Sohn des Freundes Hülsenbeck den jüngsten Bruder
in einem kleinen Blockwagen. Die Fernsicht geht über
Gärten und Gartenhäuser auf die Türme von Hamburg. Die
Szene steht im offenen Sonnenlicht, alle Schatten sind aufgehellt
und von wohliger Weichheit. Links das Kind im hellbraunen
Holzwagen in rotem weissbetupftem Kleide, rechts
der Knabe in grüner Kittelhose, deren lebhafte Farbe in den
Schatten auf der Wange, am Halse und dem weissen Kleide
des Mädchens weich und gedämpft widerscheint. Unten stehen
in kräftigen Tönen die gelben Schuhe des Knaben neben den
roten des Mädchens.
3. Philipp Otto Runge: Der Künstler, seine Frau und sein
Bruder (1804). Runge rechts in dunkelblauem Rock mit verschränkten
Armen, in sich hineinsinnend, an ihn gelehnt die
junge Frau — Pauline Bassenge, die Tochter des emigrierten
Pai "iser Goldschmiedes, dessen Werk das berüchtigte Hals-
geschmeide Marie Antoinettes war. Sie reicht des Malers
älterem Bruder die Hand. In der Einfachheit der Komposition
spricht sich der Sinn des Malers für die Bedeutung
der Silhouette im Bilde vollkommen aus. Auch ohne dass
man weiss, was der ältere Bruder dem jüngeren und der
jüngere dem älteren war, ist der Sinn der Situation, dass
hier eine Frau nicht trennend, sondern vereinigend zwischen
zwei von allem Anfang an eng verbundenen Männern steht,
einleuchtend. Das Bild war für die Eltern in Wolgast bestimmt.
Das Grün der Baumkronen ist hier — in dem ersten der
Gemälde aus der Hamburger Zeit Runges — noch dunkel
und unrein, mit braunen Tönen gemischt, doch erlaubt der
Erhaltungszustand des Bildes kein Urteil über seine ursprüngliche
farbige Erscheinung.
4. Philipp Otto Runge: Die Eltern des Künstlers (1806). Das
Gemälde mit den lebensgrossen Figuren der Eltern, des Sohnes
und eines Neffen des Künstlers entstand während des längeren
durch den Krieg veranlassten Besuches in der Vaterstadt.
Die Frau mit weisser Haube, die hellblaue Bandschleifen
schmücken, in starrem schwarzem von einem tiefen Violett
überhauchten spiegelnden Seidenumhang über knitterigem
grauweissem Seidenkleide legt die Hand, deren Finger eine
Rose halten, in den Arm des Mannes, der im langen kastanienbraunen
Ueberrock und in schwarz-braun gestreiften Kniehosen
den Hut in der Linken hält, die das spanische Rohr
mit elfenbeinernem Knopf gefasst hat. So schreiten beide in
steifer Feierlichkeit mit den Augen grüssend nach rechts, sich
von dem dunkelgrünen Fensterladen des Hauses abhebend.
Vor ihnen die beiden Enkelkinder, in violettem und in hellrotem
Hängekleidchen mit weisser Stickerei. Otto Sigismund;
der Sohn des Künstlers, fasst nach einer rotflammenden
Feuerlilie, das Gesicht zu den Grosseltern zurückwendend.
Der Fernblick geht auf die flachen Peeneufer und den rötlichen
Abendhimmel.
5. Philipp Otto Runge: Der Morgen. Die in Hamburg entstandene
farbige Ausführung nach dem ersten Blatt der Stichfolge
der Tageszeiten. „Im Morgen (so schreibt des Malers
älterer, weit überlebender Bruder, dem wir auch die Herausgabe
der Rungeschen Briefe und Schriften verdanken, die
für die Beurteilung des deutschen Geisteslebens jener Jahre
von ganz allgemeiner Bedeutung sind), im Morgen blüht die
Blume des Lichtes als eine unmessbare grosse weisse Lilie,
auf deren einzelnen Blättern und Teilen sich Gruppen von
Kindern wiegen, in den Räumen der Luft hinauf, während
die vom Stengel noch herabhängenden Lilienknospen Rosen
über den Erdkreis ausschütten, mit welchem Bilde dann die
Wahrnehmung der allgemeinen Lichtwerdung versinnlicht
worden."
Das Gemälde weicht nicht unbedeutend von diesem ersten
Entwurf ab. Das wichtigste aber ist die farbige Haltung.
Vorn das Kind auf dem grünen Wiesengrund ist vom Licht
überstreift, über dem tief hinausgerückten Horizont liegt unten
eine violette Wolkenbank, darüber geht der Ton von Rot
in warmes helles Gelb, weiter in ein kühles durchsichtiges
Blau über, das sich gegen den oberen Bildrand in sanften
Abstufungen vertieft, die Figuren sind von unten her rot
angestrahlt und diesem warmen Ton wirkt von oben her ein
kühles bläulich weisses Licht entgegen, in das die Krone der
Lilie ganz getaucht erscheint.
6-8. Lucas Cranach derAeltere: Flügelaltar mit der heiligen
Sippe. Das Staedelsche Kunstinstitut in Frankfurt a. M. erwarb
im Sommer 1906 auf der Versteigerung Emile Molinier
in Paris einen Flügelaltar von Lucas Cranach, der sich in
mehr als einer Hinsicht aus dem „Werk" des Meisters heraushebt
. Von dem französischen Kunstkenner aus einem spanischen
Kloster erworben, war dieses für die Geschichte der
deutschen Malerei höchst bedeutende Monument vor 1906 so
gut wie unbekannt und wird in der reichen deutschen Cranach-
Literatur nirgends erwähnt. Mit der merkwürdigen Unterschrift
;.LVCAS CHRONVS FA C IE BAT 1509" ist
es das einzige mit dem vollen Namen des Meisters bezeichnete
Werk und stammt aus jener relativ frühen Zeit, in der
Cranach, wie wir mehr und mehr erkennen, auf der Höhe
seiner Gestaltungskraft stand. 1509 gerade ist ein inhaltreiches
und kritisches Jahr in des Meisters Schaffen. Wir
besitzen aus diesem Jahre, in dem Cranach seinen Wappenbrief
empfing (erst seit 1509 bediente er sich der bekannten
Drachen Signatur) mehrere Holzschnitte und Gemälde, wie die
Venus in St. Petersburg.
Unser Flügelaltar stellt bei geöffneten Türen die heilige
Sippe dar, im Mittelfelde Anna und Maria mit dem Christuskinde
, vorn zwei spielende Kinder, den schlafenden Joseph,
weiter hinten, auf einer Tribüne, drei Männer, von denen
zwei entschieden porträtartig erscheinen (dass hier Kaiser
Max dargestellt sei, wie man gesagt hat, glaube ich nicht).
Auf den Flügeln je eine Familiengruppe aus der heiligen
Sippe, je eine Frau mit zwei Kindern und je ein Mann, der
links mit den wohlbekannten Zügen Friedrichs des Weisen
von Sachsen, der rechts sein Bruder Johann der Beständige.
Die Empore in der Mitte ist mit den sächsischen Wappen
geschmückt. Aussen, grau in grau, Maria mit dem Kinde
und die hl. Anna.
Der Altar ist offenbar eine Stiftung der sächsischen Fürsten,
und man hat mit einigem Recht vermutet, dass dieses auf
weiten Wegen glücklich nach Deutschland zurückgebrachte
Triptychon der Annen-Altar von Torgau sei, der 1505 zum
Andenken an die 1503 verstorbene Gemahlin Johanns gestiftet
wurde. Das Altarbild Aväre allerdings mit erheblicher
Verspätung zur Aufstellung gelangt. Eine Tafel mit den
Nothelfern in der Marienkirche zu Torgau wird als Predella
des Werkes betrachtet.
Stilistisch nah verwandte Schöpfungen Cranachs, deren
Stellung im Werke des Meisters sicherer geworden ist, seitdem
wir den datierten Altar kennen gelernt haben, sind zwei
kleine Flügelbilder mit der heiligen Familie im gotischen
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